Väterchen Frost bringt in Russland Geschenke

Iserlohn/Hagen. (clau) Vera aus Smolensk ist erst 14 Jahre alt, spricht aber ein bisschen Französisch, Deutsch erstaunlich gut und Englisch noch besser. Außerdem versteht sie Ukrainisch. Ihre Mutter ist Schulleiterin. Ihr Vater handelt mit Autoteilen. Er lebt in Kursk, 500 Kilometer und sieben Stunden Fahrt trennen ihn von seiner Familie. Bald kommt er zum Feiern. Seine Tochter freut sich schon, denn der Papa kocht hervorragend.

Väterchen Frost wohnt in Sibirien

Am 24. Dezember aber und an den folgenden Tagen, wenn in Deutschland das Fest der Feste begangen wird, gehen in Russland die Kinder zur Schule und die Erwachsenen zur Arbeit. Es ist ein ganz normaler Tag.

Alle fiebern dem 31. Dezember entgegen. Dann wird nicht nur Silvester gefeiert, sondern es gibt auch Geschenke. Die bringt aber weder das Christkind noch der Weihnachtsmann, sondern „Ded Moroz“, Väterchen Frost.

Die Kinder schreiben Gruß- und Wunschbriefe an ihn. Die  gehen an das offizielle Weihnachtspostamt nach Weliki Ustjug. Irgendwo  in Sibirien, tausend Kilometer von Moskau entfernt, wohnt nämlich Ded Moroz mit seiner Enkelin, Sneguroschka, einer bildhübschen jungen Frau.

„Sie ist immer in Blau gekleidet und trägt einen Hut“, beschreibt Vera. „Ihr Großvater Ded Moroz trägt einen blauen oder roten Mantel mit weißem Pelzbesatz und Handschuhe. Sein Bart ist lang und reicht fast bis zum Boden. In der Hand hält er einen Zauberstab, der aussieht, als wäre er aus Eis gemacht.“

Herrscher über Eis und Schnee

Berge von Kinderbriefen und Basteleien stapeln sich in dem reich verzierten Holzhaus von Ded Moroz. „Ihn zu besuchen… – davon träumen alle Kinder in Russland“, schwärmt Vera.

Mit seinem eisigen Stab beherrscht Väterchen Frost das Land. Er bringt Eis und Schnee und lässt alles erstarren. „Er hat zwei Seiten“, schildert Vera. „Einerseits muss man ihn fürchten, weil er so hart und grausam ist. Andererseits muss man ihn lieben, weil er gutmütig den Kindern die Geschenke bringt. – Warum er aber eine Enkelin hat und wo deren Eltern sind, das weiß, glaube ich, niemand so genau.“

Vor dem großen Fest

Erst zum Jahreswechsel werden die Schulkinder mit Massen von Süßigkeiten in die Ferien entlassen. „Das sind keine Weihnachtsspezialitäten wie hier, sondern das ist eher das Übliche, aber davon sehr viel,“ sagt Vera. „Ich allein bringe es meist auf rund fünf Kilo. Das reicht drei Wochen lang.“

Es gibt eine Fülle an Konzerten, Theater- und Märchenaufführungen. Krippenspiele? – Nein! In Russland geht es vor allem um Märchenhaftes und Winterliches.

Dann endlich am 31. Dezember schließen die Geschäfte, Büros und Fabriken und Väterchen Frosts Geschenke kommen an. Bis zum 11. Januar erstrecken sich die arbeitsfreien Tage.

„Jedes Jahr werden zu Silvester etwa dreihundert Kinder aus dem ganzen Land ausgewählt und zum Fest in den Kreml eingeladen“, erzählt die Achtklässlerin. „Da wird in der Halle um einen großen Weihnachtsbaum herum musiziert und gespielt. Es gibt kleine Geschenke und Süßigkeiten. Eine meiner Freundinnen durfte schon einmal dabei sein und hat mir erzählt, wie schön das ist.“

Zum Silvesterfest kommen überall die Familien zusammen. Auch Veras Vater wird aus Kursk anreisen. Es wird üppig gekocht und festlich getafelt.

Festessen

Die russischen Familien kaufen erst zum 31. Dezember einen Tannenbaum und stellen ihn geschmückt im Wohnzimmer auf.

Zu den Silvesterspezialitäten gehört der „Olivier-Salat“. Er wird aus Kartoffeln, Möhren, Eiern, Gewürzgurken, Erbsen, Majonäse und Geflügelfleisch oder Schinken zubereitet.

„Beim großen Festessen geben wir uns die Geschenke“, erzählt Vera. „Die Kinder haben meist auch etwas für ihre Eltern und Geschwister. Die Eltern machen es schlau. Sie fragen schon vor den Festtagen mal beiläufig an, was die Kinder sich denn so alles von Väterchen Frost gewünscht haben  – und danach planen sie dann ihre eigenen Geschenke für die Kinder.“

Später folgt die Silvesteransprache von Wladimir Putin im Fernsehen. Anschließend verfolgen alle gespannt das zwölfmalige Schlagen der Kreml-Uhr und den Countdown auf dem Roten Platz. Danach wird angestoßen und das Feuerwerk bricht los.

„Das ganze Fest ist eher eine große fröhliche Party“, sagt die junge Smolenskerin. „Anschließend ziehen alle noch in die Stadt. Man geht in Clubs, zum Tanzen oder macht weiter Feuerwerk in den Straßen.“

Neujahrsmorgen

Am Neujahrsmorgen wird es spannend für die Kinder. Kaum erwacht, stürzen sie zum Weihnachtsbaum: Da liegen nun endlich die „bestellten“ Geschenke, um die Väterchen Frost sich gekümmert hat.

Für die Erwachsenen ist der Tag meist von Kopfschmerzen geprägt. „Zu viel Wodka“, lacht Vera. „Viele schlafen sogar bis zum 3. Januar mehr oder weniger durch. Zwischendrin gibt es Reste-Essen.“

Orthodoxes Fest

Erst einige Tage später wird am 7. Januar das eigentliche orthodoxe Weihnachtsfest gefeiert. Vera kennt das hauptsächlich aus dem Fernsehen: Auf fast allen Kanälen wird der Festgottesdienst mit dem Patriarchen – also dem obersten Kirchenvertreter – übertragen.

Einmal war sie auch selbst in einer Kirche dabei: „Das dauert mindestens vier Stunden. Die ganze Zeit muss man stehen und den Singsang versteht man gar nicht. Viele kleine Kinder sind dann auch in der Kirche. Die schlafen dann irgendwo.“ Veras Sache ist das nicht. Aber sie weiß, dass es mittlerweile wieder viele Menschen in Russland gibt, die nach christlichen Gebräuchen leben und feiern.

Kältefrei in Sicht?

Sie selber freut sich vor allem auf das Fest mit ihrer Familie und auf die wohlverdienten freien Tage. Wer weiß, vielleicht bringt das neue Jahr auch wieder eine paar schulfreie Tage. Die gibt es im Land von Väterchen Frost ab minus 30 Grad und sie kommen nicht selten vor…