Vorsorgeuntersuchung für eine Autobahnbrücke

Ruhrtalbrücke A45
So haben die wenigsten Autofahrer die Ruhrtalbrücke bisher gesehen: Thorsten Ziolek zeigt seinen Arbeitsplatz im Hohlkasten der A45-Brücke. (Foto: Heiko Cordes)

Hagen. Die A45 ist die Lebensader für Autofahrer aus Ruhrgebiet und Sauerland. Es gibt wohl keinen Hagener, Iserlohner oder Schwerter, der noch nie über diese Autobahn gefahren ist. Kein Wunder: Rund 90.000 Autos und LKW donnern jeden Tag über die Straßen und Brücken.

Damit die Sicherheit auf Brücken für die Verkehrsteilnehmer gewährleistet werden kann, werden diese Bauwerke regelmäßig großen und kleinen Untersuchungen unterzogen. Alle sechs Jahre steht die Hauptunterssuchung für eine Brücke an. Das ist wie eine große Vorsorgeuntersuchung zu verstehen. Während beim Menschen der Körper auf Herz und Nieren überprüft wird, stellt man bei der Brücke andere Fragen: Welche Schäden hat die Brücke? Gibt es Risiken für die Sicherheit? Wie verkraftet sie die Verkehrsbelastung?

Deutliche größere Belastung

„Der Verkehr hat seit den 90er Jahren extrem zugenommen“, erklärt Ahmed Karroum, Abteilungsleiter Brückenbau bei Straßen-NRW. Für 20.000 Autos pro Tag waren die Lennetalbrücke und die Ruhrtalbrücke geplant worden, jetzt überfahren mehr als viermal so viele Fahrzeuge die Brücke. Täglich! „Die PKW fallen dabei auch nicht so sehr ins Gewicht. Der Brücke tun die LKW deutlich mehr weh“, nennt Karroum einen der Gründe, warum intensiv kontrolliert wird. „Mindestens einmal pro Jahr schauen wir uns jede Brücke an. Alle drei Jahre wird eine kleinere Untersuchung gemacht, alle sechs eine Hauptuntersuchung“, so Karroum.
Dadurch wird gewährleistet, dass die Hüter der Brücken und Autobahnen immer Bescheid wissen, wie es ihren Brücken geht. 10.000 fallen in das Aufgabengebiet von Straßen-NRW. Dazu gehören alle Brücken von Autobahnen, Bundesstraßen und Landstraßen – eine Mammutaufgabe. Damit nicht jeder Prüfer bei Null anfängt, werden zu jeder Überprüfung Erkenntnisse in Datenblätter zusammengefasst – ein bisschen so, wie ein Arzt eine Krankenakte führt.

Gute Augen

Einer dieser Prüfer ist Thorsten Ziolek. Der Ingenieur braucht gute Augen, um seinen Job richtig zu erledigen. Im Hohlkasten unter der Ruhrtal-­Brücke bei Ergste erklärt er: „Risse ab 0,1 Millimeter werden von uns kartografiert. Das würde man als Haarriss bezeichnen. In seltenen Fällen gehen die Risse auch bis 0,4 Millimeter.“ Neben einem guten Auge, braucht man auch noch ordentlich Kraft in den Armen. Mit Hämmern wird auf die Brücke eingeklopft. Wenn man in dem Hohlkasten – das ist der Zwischenraum zwischen Fahrbahn und Brückenunterseite – steht, dann gehört der Ton der Hammerschläge auf Beton genauso zur Symphonie des Verkehrs wie das Rattern der Fahrzeuge über Dehnungsfugen und das Geräusch der abrollenden Reifen auf Asphalt.

Nicht nur akkustisch kann man übrigens dort merken, wenn ein schwerer LKW über die Brücke donnert. Denn dann be­ginnt der Boden unter den Füßen ordentlich zu vibrieren. Der Hohlkasten der Ruhrtalbrücke besteht aus elf Abschnitten. An manchen Stellen kann man bequem stehen, an anderen muss man kriechen. Gerade bei kühlen Außentemperaturen ist das kein großes Vergnügen.

Spezialkran im Einsatz

Allerdings immer noch besser, als wenn man bei Wind und Wetter auf dem Steg des sogenannten Unterflurfahrzeugs die Unterseite der Brücke prüft. Damit das funktioniert, muss auf der Brücke meistens ein Fahrstreifen mindestens verengt werden. „Viele Autofahrer wundern sich, warum wir auf der Brücke eine Fahrbahn sperren, wo doch keiner weit und breit zu sehen ist und wir unter der Brücke arbeiten“, erzählt Karroum vom Unmut vieler Fahrer.

Zugriff über die Außenseite: Dank eines Spezialkrans können die Bauprüfer auch unter der Brücke ihre Arbeit verrichten. (Foto: Heiko Cordes)

Die Erklärung dafür ist simpel: Das Unterflurfahrzeug muss über den Standstreifen fahren und den Steg unter der Brücke Zentimeter für Zentimeter nach vorne bringen. Damit der Kran nicht in Tiefe stürzen kann, wurde das Fahrzeug besonders schwer und besonders breit gebaut. So wird die Sicherheit der Prüfer gewährleistet. Für die 528 Meter lange Ruhrtalbrücke braucht das Team rund zwei Tage.

Spezialisten benötigt

Wenn bei der Hauptüberprüfung etwas festgestellt wurde, dann erfolgt die Nachprüfung durch die Spezialisten. Die „Beton-Flüsterer“ schauen in den Beton, ohne diesen zu verletzen. Dafür wird zum Beispiel Ultraschall genutzt. „Ganz ehrlich, dafür braucht es auch diese Spezialisten. Das ist wie beim Arzt – da kann ein Laie auch nicht erkennen, was auf der Röntgenaufnahme zu sehen ist“, erklärt Ziolek.

Weitere Maßnahmen

Wenn größere Schäden festgestellt werden, dann müssen Maßnahmen ergriffen werden. Der schlimmste Fall – wenn die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer gefährdet ist – würde mit einer Vollsperrung der Brücke als Sofortmaßnahme enden. Kleinere Mängel dagegen werden behoben.

Viele größere Schäden konnten vor allem Anfang der 2000er Jahre vermieden werden. Wie bereits erwähnt, ist der Verkehr auf der Straße angestiegen. „Wenn Sie beim Bau in den 60er- und 70er Jahren gesagt hätten, dass zum Beispiel die Leverkusener Brücke über 120.000 Fahrzeuge Tag für Tag tragen muss, dann hätten die Leute Sie für verrückt gehalten“, erklärt Abteilungsleiter Karroum.

Doch auf Initiative des Bundes wurde bereits Anfang der 2000er mit ersten Untersuchungen begonnen, die zeigten, wie sich die Belastung vergrößerte. An der Ruhrtalbrücke kann man sehen, wie präventiv für den Erhalt der Brücke gearbeitet wurde: Stahlträger sind zur Verstärkung eingebaut worden.

Pendler können aufatmen

„Das bedeutet nicht, dass die Brücke marode ist, sondern ist eine Maßnahme zur Stärkung“, nimmt Karroum allen Autofahrern die Angst davor, dass die Ruhrtalbrücke in Gefahr sein könnte. „Wir tun alles dafür, dass bei uns kein zweites ‚Genua‘ passiert“, legt Karroum nach und erklärt: „Die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer hat für uns oberste Proirität.“ Damit das auch weiterhin so ist, hämmern die Prüfteams weiter auf die Betonhülle der NRW-Brücken ein.