„Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln“

Heike Engel aus Wetter hat jetzt ihr erstes Buch veröffentlicht und wird am 8. März in der Lichtburg daraus lesen. Das Buch mit dem Titel „Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln“ schildert die Missbrauchserfahrungen eines kleinen Mädchens. (Foto: wochenkurier)

Wetter. (anna) Die Wetteraner Autorin Heike Engel liest am Internationalen Frauentag, 8. März, um 19.30 Uhr im Kulturzentrum Lichtburg in Wetter aus ihrem Roman „Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln“. Erschienen im Eisenhut-Verlag in Berchum, schildert es, wie ein Kind in den 60er Jahren vielfältigste Gewalt gegenüber der Mutter erlebt. Einfühlsam, jedoch nicht ohne Komik in Alltagssituationen schildert die Autorin die Lebensgeschichte von Wiebke.

Zwecks Einstimmung in die 1960er-Atmosphäre des Romans wird den Gästen der Lesung „Kalte Schnauze“ serviert, ein seinerzeit typisches Kuchengebäck aus Keksen und fettigem Schokoguss. Dazu gibt es Fotos aus jener Zeit auf der Kinoleinwand, natürlich untermalt von 60er-Jahre-Schlagern.

Die 53-jährige Autorin Heike Engel ist gebürtige Niedersächsin und wohnt seit zwei Jahren in Wetter. Seit vielen Jahren schreibt die Mutter einer erwachsenen Tochter kleine Kurzgeschichten, die schon häufig veröffentlicht wurden. Durch ihre Schwester kam Heike Engel auf die Idee, einmal die Zeit der 60er Revue passieren zu lassen und sie aus der Perspektive eines Kindes zu schildern. Das Buch illustriert den Teufelskreis der häuslichen Gewalt sehr anschaulich. Es zeigt aber auch, dass es andere Möglichkeiten gibt, als erlittene Gewalt an die nächste Generation weiterzugeben.

Zum Inhalt

„Was ist, wenn ich nichts angestellt habe, aber nicht weiß, ob ich nicht doch etwas angestellt habe?“ fragt die sechsjährige Wiebke ihre Großmutter Mimi. Viele Fragen und Schuldgefühle begleiten Wiebke durch die Kindheit. Sie wächst in den 60ern als mittlere von drei Schwestern in einem kleinen Ort auf. Wiebkes Eltern, in der Nazi-Zeit zum blinden Gehorsam erzogen und durch Bombennächte traumatisiert, finden keinen Weg, ihrem eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Ihre Sprach- und Hilflosigkeit lassen sie auf unterschiedliche Weise an ihren Töchtern aus:

Das Leben der Mädchen wird geprägt durch Einschüchterungen, Erniedrigungen, Schläge und Missbrauch. Wiebke und ihre Schwestern werden fortlaufend beschimpft, gequält und drangsaliert. All das geschieht im Verborgenen; nur wenige wissen um das Leid der Kinder. Und die, die es wissen, geben es nicht preis. Wiebke verfügt über ein heiteres und starkes Naturell. Sie ist aufgeweckt und wissbegierig… – und eines Tages bricht sie das Schweigen.

Vergangenheitsbewältigung

„Nicht nur Betroffene werden sich darin wiederfinden können, sondern auch jene, die in dieser Zeit aufgewachsen sind“, ist Heike Engel überzeugt. „Darüber hinaus gewährt das Buch sowohl Einblicke in die anerzogene Gewaltbereitschaft, als auch in das Duckmäuserverhalten der Kriegsgeneration, sowie in die individuellen Ängste, Sorgen und Nöte ihrer Nachkommen. Es werden sich insbesondere auch die Leserinnen und Leser angesprochen fühlen, die sich intensiv mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung beschäftigen – sei es die Kriegsvergangenheit oder sei es persönliche Gewalt- und Missbrauchserfahrungen.“

Wenn Kinder im Alltag mit Gewalt konfrontiert werden, sind die Zusammenhänge für sie weder verständlich, noch begreiflich. Größtenteils suchen sie die Schuld bei sich selbst und interpretieren das Erlebte völlig anders als Erwachsene. Aufgrund dieser besonderen Erzählperspektive des Kindes, das in seiner kindlichen Naivität verzweifelt nach Erklärungen und Lösungen sucht, entwickelt sich daraus (auch) eine unfreiwillige Komik. Sie ermöglicht, dass die Leserinnen und Leser ein wenig „unbefangener“ in die zum Teil schrecklichen Geschehnisse eintauchen können.

Nachwort von Wildwasser

Den Klappentext zum Buch „Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln“ hat das politische Frauenmagazin EMMA geliefert. (Foto: wochenkurier)

„Das Nachwort zu meinem Buch schrieb Iris Hölling, Geschäftsführerin von Wildwasser e.V. Berlin“, erklärt Engel. Iris Hölling weiß:

„In der Zeit, als Wiebke die sexuelle Gewalt erlebt, gibt es noch keine Anlaufstellen, das Thema ist noch völlig tabuisiert. Die erste Selbsthilfegruppe von Frauen, denen in der Kindheit sexualisierte Gewalt angetan wurde, wurde 1982 in Berlin gegründet. Wildwasser e.V. wurde aus dieser Initiative heraus von Frauen, die selbst sexualisierte Gewalt erfahren hatten, und Unterstützerinnen 1983 als bundesweit erster Verein zum Thema gegründet. Wiebke hätte sich damals höchstens an das Jugendamt wenden können.“

Das Buch zeige, wie wichtig unterstützende Personen im Umfeld sind, um sexualisierte Gewalt aufzudecken, zu überleben, zu verarbeiten. Es zeige auch, wie wichtig es ist, das Wissen um Gewalt, Täterstrategien und die möglichen Folgen zu verbreiten.

„Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln“, schildert eher den harten Weg, den Wiebke vor allem allein geht. Auch die Verwirrung, die Verunsicherung, die Zweifel an der Welt und der eigenen Person werden eindrücklich dargestellt. Dennoch gelingt es Wiebke, anders als ihrer Mutter, sich zu befreien und ihr eigenes Leben zu leben.

Zu bekommen ist das 280-Seiten-Buch „Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln“ direkt beim Eisenhut-Verlag (www.eisenhutverlag.de) oder im Buchhandel (ISBN 978-3-942090-10-0).