Weltbedeutende Riesen-Insekten

Von Antje Selter

Hagen. Weiter geht’s in unserer Serie „Geotope in Hagen“. Die Umgebung der Volmestadt stellt im Oberkarbon den Übergangsbereich zwischen dem kohleführenden Ruhrgebiet im Norden und den Hochlagen des Sauerlandes im Süden dar.

Die „Paläogeografie“, das heißt: die landschaftliche Situation, zur Zeit des Oberkarbons ist beispielhaft dokumentiert. Insbesondere der Steinbruch der ehemaligen Ziegelei in Vorhalle und der Kaisberg waren und sind dabei von überregionaler wissenschaftlicher Bedeutung.

Ehemalige Ziegelei

Die unter Fachleuten weltberühmte Ziegeleigrube in Vorhalle ist als „Nationaler Geotop“ ausgezeichnet. (Foto: Geotouring)

Die Ziegeleigrube in Vorhalle, ist ein ehemaliger Steinbruch der Vorhaller Klinkerwerke. Seit den 1920er Jahren gelten der noch vorhandene Steinbruch sowie ein heute nicht mehr vorhandener Aufschluss weltweit als die reichhaltigsten Fundstellen für Pflanzenfossilien aus dem tiefen Oberkarbon.

Zu einer Lokalität von international bedeutendem Rang wurde sie durch die Entdeckung fossiler Spinnentiere und Insekten in einer zum Teil so vollständigen Erhaltung, wie bisher aus diesem Zeitabschnitt nichts Vergleichbares bekannt war. Dies führte seit 1982 zu vielbeachteten wissenschaftlichen Ergebnissen und zahlreichen Publikationen. Im Mai 2006 wurde der aufgelassene Steinbruch zu einem „Nationalen Geotop“ erklärt.

Nationaler Geotop

Die Auszeichnung „Nationaler Geotop“ wurde an 77 der bedeutendsten geologischen Aufschlüsse in Deutschland vergeben. In der eindrucksvollen Liste der ausgewählten Geotope befindet sich der ehemalige Ziegelei-Steinbruch Hagen-Vorhalle in einer eindrucksvollen Reihe mit Fossilienfundstellen und Landmarken. Neben Vorhalle sind die für ihre Schwimmsaurier berühmten Steinbrüche im baden-württembergischen Holzmaden, die Grube Messel bei Darmstadt, wo unter anderem auch das Ur-Pferdchen entdeckt wurde, und die Steinbrüche der Solnhofener Plattenkalke im Altmühltal, die Fundorte des Ur-Vogels Archaeopterix waren, unter den bedeutendsten Geotopen vertreten.

Ausgezeichnet wurden aber auch geologischen Landschaftsräume und markante Naturdenkmäler, wie beispielsweise der Meteoritenkrater im Nördlinger Ries, die Bruchhauser Steine im Sauerland, die Externsteine in Ostwestfalen, das Felsenmeer bei Hemer, das Randecker Meer auf der Schwäbischen Alb, die Mainschleife bei Volkach, das Neandertal bei Mettmann, die Insel Helgoland und die von Caspar David Friedrich gemalte Kreideküste im Nationalpark Jasmund auf Rügen.

Zunächst verschüttet

Im Vergleich zu heutigen Libellen sind die urtümlichen Exemplare aus Vorhalle Riesen-Insekten gewesen...

Nachdem die Vorhaller Klinkerwerke die Ziegelproduktion im Jahre 1989 eingestellt hatten, wurde das Gelände völlig umgestaltet, um die Aufnahmekapazität zur Ablagerung von Bauschutt zu erhöhen. Dabei wurden die fossil führenden Schichten zunächst verschüttet, später aber wieder freigelegt.

Die in der Grube anstehenden Tonsteinschichten kamen während der Oberkarbon-Zeit (Namur B, vor 318 Millionen Jahren) in der Meeresbucht eines Flussdeltabereiches zur Ablagerung. Bei den mächtigeren Sandsteinen handelt es sich um kleinere Flussrinnen. Die Abfolge dokumentiert nachhaltig die Abnahme der marinen (also der Meeres-) Einflüsse im Oberkarbon.

... Die Körperlänge zum Beispiel von „Homoiptera vorhallensis“ konnte gut 30 cm betragen. (Foto/Abbildung: Geotouring)

Vom Festland wurden Landpflanzen (farnblättrige Pflanzen, Schachtelhalme, Siegel-, Schuppenbäume), Insekten (Libellen, Urnetzflügler), Arachniden (u.a. Geißelskorpione) und Tausendfüßer eingeschwemmt oder eingeweht. Sogar Süßwasserfische (etwa Quastenflosser) konnten in der Bucht leben. Marine Lebewesen waren zum Beispiel Muscheln und Krebstiere.

Urtümliche Libelle

Weltberühmt ist die Fundstelle jedoch wegen der hier vorkommenden fossilen Landlebewesen, den Insekten und Spinnentieren. Der Stammbaum der Insekten lässt sich 400 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgen. Die ersten Insekten waren flügellos.

Die Insekten-Funde aus Vorhalle zählen zu den weltweit ältesten bisher bekannten Exemplaren mit Flügeln. So z.B. „Homioptera vorhallensis“, eine urtümliche Libelle mit primitiven Flügelmechanismen. Im Vergleich zu heutigen Libellen sind die urtümlichen Exemplare aus Vorhalle Riesen-Insekten gewesen. Die Körperlänge der „Homoiptera“ konnte gut 30 cm betragen.

Graben verboten

Zwischen 1990 und 1997 führte das LWL-Museum für Naturkunde eine Grabung durch. Die Präparation der insgesamt 16.000 geborgenen Fossilien dauert derzeit noch an; die wissenschaftliche Bearbeitung einzelner Fossilgruppen konnte inzwischen abgeschlossen werden.

Die Funde werden im LWL-Museum für Naturkunde in Münster und im Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss Werdringen in Hagen ausgestellt. Darüber hinaus befinden sich noch einige Funde in Privatsammlungen. Da es sich um ein geschütztes Bodendenkmal handelt, ist das Sammeln und Graben nach Fossilien im Steinbruch verboten.