Wer sucht eine Ausbildung mit sicherer Zukunft?

Wer sucht eine Ausbildung mit sicherer Zukunft?
Wer gut ausbildet, der wird auch ausgezeichnet: Die HVG, in Person von Christoph Köther, (Mitte) nahm aus den Händen von Maren Lewerenz (2. v.li.) und Andrea Henze (2.v.re.) das Ausbildungszertifikat entgegen. (Foto: Heiko Cordes)

Hagen. Wenn junge Leute sich um ihre berufliche Zukunft Gedanken machen, dann steht am Ende dieses Prozesses immer häufiger ein Studium als Einstieg in den Beruf. Über 2,8 Millionen Studierende gab es 2017 im gesamten Bundesgebiet – dem stehen 1,3 Millionen Auszubildende im gleichen Jahr gegenüber, laut dem Statistischen Bundesamt. Diese zunehmende Akademisierung macht es immer schwerer, geeignete Auszubildende für die heimischen Unternehmen zu finden. Und das, obwohl viele Arbeitgeber große Potentiale bei der Ausbildung haben.

Großer Mangel

Wie zum Beispiel das Pflegeunternehmen Wohlbehagen. Willi Strüwer aus der Geschäftsleitung des Unternehmens erklärt: „Wir haben jetzt fünf neue Ausbildungsplätze vergeben. Wenn es nach mir ginge, hätten es auch acht, neun oder sogar zehn Auszubildende sein dürfen.“ Aber: Geeignete Bewerberinnen und Bewerber waren nicht in Sicht. Dominika Schmitt, Ausbildungsleiterin bei Wohlbehagen, kennt auch einen der Gründe für ausbleibende Bewerber in ihrer Branche: „Es gibt das Klischee, dass man viele unbezahlte Überstunden machen muss, am Wochenende Dienst hat und schlecht bezahlt wird – also einen Höllenjob macht. Doch das ist nicht richtig dargestellt. Als Krankenpflegerin oder Krankenpfleger kann man ganz viel gestalten“, so Schmitt.

Gute Übernahmechancen in der Pflege

Die Vorzüge einer Ausbildung in der Pflege sind schwer von der Hand zu weisen. Durch den Fachkräftemangel hat man eine fast 100-prozentige Übernahmechance in ein festes Anstellungsverhältnis, denn aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung boomt dieser Wirtschaftszweig. Wohlbehagen wird zum Beispiel bis 2020 zwei weitere Einrichtungen eröffnen, um die rund 4.800 pflegebedürftigen Hagenerinnen und Hagener zu versorgen.

Wer sucht eine Ausbildung mit sicherer Zukunft?
Dominika Schmitt, Andrea Henze, Maren Lewerenz und Willi Strüwer empfingen die Presse, um einmal den Pflegeberuf in den „Fokus“ zu rücken. Viele Vorurteile seien eben genau dies – also Vorurteile. Und sie gehören deshalb aufgeklärt. (Foto: Heiko Cordes)

Dafür braucht das Unternehmen qualifizierten Nachwuchs. Aktuell sind 23 der rund 420 Mitarbeiter Auszubildende. „Wir hegen und pflegen unsere Eigengewächse“, so Strüwer. Damit meint er, dass nach der Ausbildung nicht Schluss ist. Je nach Neigung und Talent kann man sich weiterentwickeln – und weiterbilden. So sind zwölf Mitarbeiter gerade in einer Fort- und Weiterbildungsmaßnahme. Dass neue Wege bei der Ausbildung gegangen werden müssen, das haben Arbeitsagentur, Jobcenter und Arbeitgeber längst verstanden.
So gibt es zum Beispiel Programme“, bei denen das Azubi-­Gehalt aufgestockt wird. Dieses Angebot richtet sich an Menschen, die schon aus einem gefestigten Berufsbild heraus eine Ausbildung machen wollen, sich aus finanziellen Vorbehalten heraus allerdings scheuen, diesen Schritt zu gehen.

Ausbildung fertig – und dann?

Eine Karriere nach der Ausbildung kann man auch bei der HVG machen. Die Hagener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft ist gut bekannt für ihre vielschichtige Betriebsstruktur. Von Hagenbad über Straßenbahn AG, Enervie oder HEB – an allen Unternehmen ist die HVG beteiligt. Daraus resultiert ein bunter Potpourri an Ausbildungsberufen: Industriekauf- und IT-Systemkaufleuten, Kfz-Mechatroniker, Fachkräfte im Fahrbetrieb, Fachangestellte für Bäderbetriebe, Erzieher bis zur Altenpflege – alles ist bei der HVG möglich. Und weil in der Vergangenheit die HVG auch über den Eigenbedarf hinweg ausgebildet hat und weiterhin sehr aktiv bei der Ausbildung junger Leite ist, ist sie am vergangenen Dienstag, 12. März, von der Arbeitsagentur und dem Jobcenter ausgezeichnet worden. Als zehntes heimisches Unternehmen erhielt es das „Zertifikat für Nachwuchsförderung“ der Bundesagentur für Arbeit. „Wir gehen mit dieser Auszeichnung sehr sparsam um. Es ist erst die zehnte Auszeichnung – in 15 Jahren seit Einführung des Zertifikats“, sagt Maren Lewerenz, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Hagen.

Christoph Köther, Geschäftsführer der HVG, nahm stellvertrend die Urkunde aus den Händen von Lewerenz und Andrea Henze, Geschäftsführung des Jobcenters Hagen, entgegen.

Aber auch die HVG steht im Wettkampf um gute Auszubildende mit anderen Unternehmen. Köther: „Die betriebliche Ausbildung hat schon immer einen hohen Stellenwert bei uns gehabt, durch den Fachkräftemangel hat sich dies noch einmal erhöht.“

Gutes Personal finden

Geeignetes Personal sei extrem schwer zu finden, auch für Berufe wie Busfahrer – oder wie es heißt: Fachkraft im Fahrbetrieb. Wer Angst davor hat, dass man durch die Ausbildung zu sehr auf einen Job gepolt ist, der eventuell nicht zukunftsfähig ist, dem kann Köther eine Entwarnung geben. „Man ist nicht auf eine Stelle fixiert, sondern es gibt durchaus ein interessantes Spektrum an Tätigkeiten.“ Die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Betriebsteilen ist ein besonderes Plus.

Fragen auf Augenhöhe beantworten

Apropos Arbeitgeber: Potentielle Auszubildende haben von Arbeitgebern und vielen Berufen manchmal ein falsches Bild. Arbeitszeiten, Bezahlung und Ausbildungsinhalte – wer nur mit Halbwissen auf die Jagd nach dem richtigen Ausbildungsplatz geht, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Schiffbruch erleiden.

Aus diesem Grund hat die Agentur für Arbeit mit der Jugendberufsagentur eine ganz besondere Azubi-Messe veranstaltet. Am vergangenen Donnerstag, 14. März, waren neun Unternehmen der Einladung der Agentur gefolgt und stellten sich und ihre Ausbildungsberufe auf „Augenhöhe“ vor. Das erreichten sie, weil sie ihre eigenen Auszubildenden aus dem Berufsleben erzählen ließen. Was sind die realen Anforderungen? Was sind Vorurteile einzelner Berufe? Was muss man an Voraussetzungen mitbringen?

Wer sucht eine Ausbildung mit sicherer Zukunft?
Maren Lewerenz, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Hagen, mit den Ausbildungsbotschaftern im Vorfeld der „Azubi-Messe“ im Foyer der Agentur für Arbeit. (Foto: Heiko Cordes)

Keine Klischees

Dustin Görlich, mittlerweile schon examinierter Altenpfleger bei Wohlbehagen, ist einer dieser Ausbildungsbotschafter, der Interessenten Rede und Antwort steht. Er will mit einigen Klischees aufräumen: „Es gibt mittlerweile so gute Hilfsmittel, dass es gar kein Problem ist, auch schwerere Menschen zu pflegen. Es muss sich niemand mehr den Rücken kaputt machen.“

Janine Lehmann, ebenfalls in der Altenpflege – beim BSH, –, ergänzt: „Es ist ein anstrengender Job, manchmal lässt man auch Nerven, aber wenn die Bewohner einem ein Lächeln schenken, dann sind alle Mühen vergessen. Wir sind Begleiter im täglichen Leben.“ Für sie war es ebenfalls eine große Motivation, interessierten Jugendlichen Vorurteile über ihren Beruf zu nehmen.

Selbst das Angebot genutzt

Tom Bensch dagegen wird Industriekaufmann. Dass er diesen Beruf erlernt, den er als spannend und abwechslungsreich bezeichnet, hat er der Beratung von anderen Auszubildenden zu verdanken. „Ich habe ein Studium begonnen und schnell gemerkt, dass das doch nichts für mich ist. Dann war ich auf einigen Ausbildungsmessen und habe mich beraten lassen. Die Gespräche mit anderen Auszubildenden haben mir extrem geholfen. Deshalb sehe ich es als meine Pflicht an, jetzt wieder etwas zurückzugeben.“

Martin Welzbacher, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit, nutzte die Gelegenheit, um selbst einmal den Ausbildungsbotschaftern Fragen zu stellen. „Ich kann zwar über 350 Berufe reden und erzählen, aber aus der Praxis erzählen, so wie Sie, das kann ich nicht“, begründete er seine Fragelust.

Auch Maren Lewerenz hatte einst als Auszubildende begonnen, wie sie den Ausbildungsbotschaftern verriet. Über Stationen in Hamburg, Nürnberg, München und Berlin landete sie im vergangenen Jahr in Hagen. In ihrer neuen „Lieblingsstadt“ will sie nun vor allem auf Berufe wie Pflege, Hotel/Gastronomie oder Metall ein „Blitzlicht“ werfen, um die Attraktivität dieser Branchen, die allerdings Nachwuchsprobleme haben, zu unterstreichen.