Wieder Reh gerissen

Holthausen. (Red./anna) Frank Motzek bewohnt seit etwa einem halben Jahr ein Forsthaus mitten im Holthauser Bachtal. Es liegt daher in der Natur der Sache, dass er zwangsläufig immer wieder mit dem Problem freilaufender und wildernder Hunde konfrontiert wird. So auch am Donnerstag, 9. Mai 2013, am Vatertag. Eigentlich ein wunderschöner Feiertag zum Ausspannen…

Dieses trächtige Reh wurde in Holthausen von einem Hund zu Tode gerissen. Das Kitz, das durch die Hatz frühzeitig geboren wurde, überlebte den Angriff ebenfalls nicht. (Foto: Frank Motzek)

Die idyllische Ruhe fand für Frank Motzek jedoch ein jähes Ende, als sich gegen 18 Uhr ein Spaziergänger aus Holthausen extra auf den Weg machte, um ihm mitzuteilen, dass er mit seiner Frau bei einem Spaziergang durch den Bereich Piepenbrink/ Märchenwald eine grausige Entdeckung gemacht habe: Unweit des Wanderweges befände sich ein Reh, erzählte das Paar, mit zerfetzten Hinterläufen und deutlich erkennbaren Bissspuren im Bereich der Kehle. Ein schreckliches Bild.

„Anhand der Ortsbeschreibung war schnell klar, dass der Tatort nicht im Zuständigkeitsbereich des hiesigen Jagdpächters lag“, berichtet Motzek, „und so wurde über die Leitstelle der Polizei der dort zuständige Jagdpächter beziehungsweise dessen Jagdaufseher ermittelt und informiert. Dieser teilte mir dann am Freitag, 10. Mai, telefonisch mit, dass er das Reh gefunden habe. Ich fuhr umgehend zum Parkplatz am Märchenwald und traf mich dort mit dem Aufseher. Sofort sahen wir die Verletzungen der Hinterläufe und die deutlichen Bissspuren an der Kehle bestätigt. Fazit: Das Tier wurde tatsächlich von einem Hund gehetzt und brutal zugerichtet.“

Kitz tot geboren

Das Traurigste: „Dieses Reh hatte gemäß der Bestimmung aller Lebewesen auf dieser Erde – nämlich Fortpflanzung und Arterhaltung – den Willen, in den nächsten Tagen einem kleinen Kitz das Leben zu schenken. Dieser Wille wurde jedoch durch das ignorante Verhalten eines verantwortungslosen Hundebesitzers, dessen Natur- und Tierliebe offensichtlich nur bis zu seinem eigenen Tier reicht, auf brutale Art und Weise gebrochen. Die Hatz der Ricke führte – kurz bevor sie qualvoll verendete – zu einer Spontangeburt und kostete somit zwei wehrlose Leben“, beklagt Motzek.

„Laut der jüngsten Berichte sind es damit – hierbei unberücksichtig die Dunkelziffer – allein im Raum Hohenlimburg bereits fünf auf diese Art und Weise zu Tode gekommene Ricken, und ich schätze, es werden in diesem Jahr nicht die Letzten sein“, ärgert sich der neue Waldbewohner. „Der Jagdaufseher, der mittlerweile seit gut 30 Jahren hier im Bereich tätig ist, berichtet, dass diese schrecklichen Vorfälle immer wieder vorkommen, Jahr für Jahr.“

Man brauche aber keine 30-jährige Erfahrung. Selbst nach einem guten halben Jahr hier mitten im Wald könne er schon die ungeheuerlichsten Geschichten erzählen, beteuert Frank Motzek, der Hundehalter gern auf ihr Fehlverhalten anspricht. „Die Kommentare reichen von dem Klassiker ’mein Hund macht das nicht’ oder ’ich habe ja nur einen kleinen Hund’ bis hin zu ’was geht mich das an, erzählen sie das doch jemand anderem’.“

„Es gibt keinen Hund, der nicht wildert, ein Hund hetzt immer, das ist ein Urinstinkt, den man auch nicht rauszüchten kann, egal ob bei großen oder kleinen Rassen. Es ist keine Seltenheit, dass Hundebesitzer stolz berichteten, ihr Hund bleibe auf den Wegen und sei uneingeschränkt abrufbar, und eine Woche später standen sie dann doch pfeifend und rufend im Wald“, berichtet Motzek.

Jäger wird zum Gejagten

Für Frank Motzek ist es an der Zeit den „ignoranten“ Hundebesitzern vor Augen zu führen, welche Gefahr sie durch ihr achtloses Verhalten verursachen. Der Hund spürt ein Reh auf, er jagt und hetzt es. Im weiteren Verlauf der panischen Flucht verenden die Tiere elendig in Fangzäunen oder werden von dem jeweiligen Hund gerissen. Anschließend kehrt der Hund zu seinem Herrchen zurück. Diese Geschichte könne durchaus aber auch einen anderen Verlauf nehmen, bei dem die Gefahr ganz schnell umschlägt und der Jäger zum Gejagten wird.

Vielen Hundebesitzern sei offensichtlich nicht bewusst, dass in unseren heimischen Wäldern – auch im Holthauser Bachtal – Wildschweine beheimatet sind, die sich bei Gefahr völlig anders benähmen. Eine Bache, die Frischlinge mit sich führt, hätte – wie die Ricke – auch den uneingeschränkten Willen der Arterhaltung und Fortpflanzung. Einziger Unterschied, sie verfalle nicht in Panik und flüchte, sie träte vielmehr die Flucht nach vorne an, weiß Frank Motzek. Für den Hundebesitzer nähme die Geschichte nun einen ganz anderen Verlauf. Im günstigsten Fall würde die Sau den Hund jagen und möglicherweise töten. Doch es könne durchaus noch „dicker“ kommen. „Es ist nicht selten vorgekommen, dass der Hund – wie im Fall mit der Ricke – zum Herrchen zurück kehrte, jedoch in Begleitung der Bache, und die will nicht ’nur spielen’, die verteidigt – notfalls mit ihrem Leben – ihre Jungen“, hat Motzek die Erfahrung gemacht. „Hundebesitzer, die eine Begegnung dieser Art hatten, sind für alle Zeiten eines Besseren belehrt und ’geheilt’ von dem Glauben, dass sein Hund nicht jage.“

Wildernde Hund schießen?

Da die Vorfälle der durch Hunde gerissenen Rehe offensichtlich immer mehr zunehmen, sei es verständlich, dass auch Berufsjäger und Jagdaufseher immer mehr die Scheu verlieren, rigoros von ihrem Recht Gebrauch zu machen, wildernde Hunde mit einem gezielten Schuss zu strecken (zu erlegen). Zu Maßnahmen dieser Art wolle kein Jäger greifen, noch nicht – Aber so weit müsse und dürfe es für alle Beteiligten nicht kommen. Die Lösung und das Miteinander im Wald seien so einfach, weiß Motzek: „Eine Leine rettet Leben, so oder so.“