Wildgänse: Ruhraue als neue Heimat

Schnattrig-laut, aber immer wieder schön: die Wildgänse. Immer mehr Grau- (Foto), Kanada- und sogar Nilgänse werden bei uns heimisch. Bei Landwirten sind sie allerdings alles anderes als beliebt. (Foto: Bärbel Taubitz)

MK/Hagen. (Red./as) „Wildgänse rauschen durch die Nacht.“ So dichtete Walter Flex im Frühjahr 1917 in einem nordfranzösischen Schützengraben. Damals waren bei uns die Gänse meist nur im Frühjahr und Herbst zu beobachten, wenn sie im Formationsflug – den Kranichen ähnlich, aber mit kurzen Beinen – auf dem Weg in ihre Winterquartiere im Süden oder in ihre Brutgebiete im Sommer über uns hinweg zogen. Seit einigen Jahrzehnten sorgt die Klimaerwärmung dafür, dass auch NRW zu den Überwinterungs- und zunehmend auch zu den Brutgebieten gehört. Richtig wohl fühlen sich die Wildgänse an den Ufern der Ruhr und deren Seen. Nur Landwirte sind alles andere als begeistert von der neuen fliegenden “Konkurrenz“. Das gilt besonders, wenn sich die Gänse über die frische Wintersaat auf den Feldern hermachen.

Vom Niederrhein in die Ruhrauen

Am Niederrhein, besonders im deutsch-holländischen Grenzgebiet, sind schon über 200.000 Gänse beobachtet worden. Traditionellerweise handelt es sich um die Graugans, deren Lebensräume früher östlich der Elbe lagen. 1972 wurden sie in Westfalen zuerst bei Dülmen/ Haltern ausgewildert. Sie fühlten sich schnell heimisch und gegenwärtig geht man von ca. 1.000 Brutvögeln aus.

Der Graugans ähnlich ist die Blässgans mit dem charakteristischen weißen Flecken über dem Schnabel. Sie kommt bei uns bisher lediglich als Wintergast vor. Bereichert wird unsere Wasservogelwelt seit einigen Jahrzehnten durch zwei Arten, die ursprünglich in weiter Entfernung beheimatet waren: Kanada- und Nilgänse.

Kanadagänse mit dem schwarzen Hals und den weißen Backenflecken wurden bereits im 17. Jahrhundert in England als Parkvogel gehalten und seit 1930 in Skandinavien ausgewildert. In NRW wurden sie erstmals 1963 beobachtet und haben in den achtziger Jahren angefangen, hier zu brüten. Die Nilgänse sind in Afrika an den Flusslandschaften weit verbreitet und finden sich noch in 4.000 Meter Höhe. Daher konnten sie sich auch an unser Klima gewöhnen. Von den Niederlanden her haben sie sich bei uns eingefunden. Da sie sehr flexibel in der Wahl ihrer Nistplätze sind (Weiden, Gebüsche, Mauern, Höhlen, Bäume), gibt es bei uns jetzt auch mehrere hundert Brutpaare.

Gänseschäden werden noch nicht ersetzt

In unseren Gefilden ist die Ruhraue nördlich von Garenfeld und Iserlohn die Hochburg der Wildgänse. Mit etwas Glück kann man dort Gruppen von mehreren hundert Vögeln beobachten. Auch im Lennetal und anderswo sind immer häufiger kleine Gruppen besondes von Kanada- und Nilgänsen zu beobachten. Als ehemalige Parkbewohner haben sie wenig Scheu vor Menschen. Sie halten sich gerne auf den Wiesen auf und ernähren sich von Grashalmen. Sie werden aber zum Problem, wenn sie sich über frische Saaten z.B. von Wintergetreide und Mais hermachen. Im Unterschied zu anderen Wildschäden werden solche Schäden bisher nicht ersetzt.

Ob die Jagd Abhilfe schaffen kann, ist unsicher. Im Märkischen Kreis wurde im vergangenen Jahr der Abschuss von 17 Grau-, 54 Kanada- und 36 Nilgänsen gemeldet. Der NABU kritisiert besonders die Jagd in unmittelbarer Nähe von Schutzgebieten, durch die seltene Arten gefährdet werden können. Kritisiert wird aber auch die Jagderlaubnis ab 16. Juli (bis 31. Januar), weil im Juli die Aufzucht der Jungen noch nicht abgeschlossen ist. Nachhaltige Lösungen sind für das Problem bislang nicht gefunden.