Acht Mädchen im Bestattungshaus

Eine besondere Herausforderung nahmen acht Mädchen aus Iserlohn an. Einen Tag lang begleiteten sie Bestatterin Sonja Temme. (Foto: Lewandowski)

Iserlohn. (as) Es war ein Experiment. Aber eines mit unverhoffter Resonanz. Sonja Temme, Inhaberin des Bestattungshauses Temme in Iserlohn, wollte Mädchen im Rahmen des Girlsdays die Chance geben, ihr Bestattungshaus kennenzulernen. „Mit ein, zwei Mädels habe ich gerechnet“, sagt Sonja Temme. Doch dann ging eine ungeahnte Flut an Bewerbungen bei der Iserlohner Bestattungsfachkraft ein. „Ich hätte 70 Mädchen nehmen können“, sagt Sonja Temme. Was natürlich nicht möglich war. Acht Mädchen aus den Klassen fünf bis zehn hatte Sonja Temme schließlich zum Girlsday in ihr Bestattungshaus eingeladen.

Es war ein aufwühlendes Erlebnis – für die acht jungen Iserlohnerinnen, aber auch für die Bestattungsunternehmerin. „Die Themen Tod und Sterben sind in unserer Gesellschaft weitgehend ein Tabu“, sagt Sonja Temme. Der Tod wird verdrängt. Für Trauer und den Umgang mit den Ängsten vor der Endlichkeit des Lebens ist kaum Platz. Worüber nicht gesprochen wird, lässt die Fantasie Purzelbäume schlagen. Was geschieht mit Menschen, die gestorben sind? Wie geht man mit ihren Körpern um? „Mit Respekt“, sagt Sonja Temme. Genau diesen Respekt vor dem Leben und auch vor dem Tod vermittelte die Bestattungsfachkraft der Iserlohner Mädchengruppe.

Für einen Tag im Bestattungshaus hatten sich die acht Mädchen entschieden. Und doch waren die ersten Minuten ein ganz vorsichtiges Herantasten. Bloß nichts berühren, lautete die Devise. Und die angebotenen Bonbons oder die Getränke wurden äußerst skeptisch beäugt. Darf man das annehmen? „Man darf“, sagt Sonja Temme. „Die Bonbons sind genau so süß wie daheim.“

Schnell räumte Sonja Temme mit den ersten Vorurteilen auf. Wer sich mit Tod und Sterben auseinandersetzt, muss nicht Angst einflößend daherkommen. Die Mädchen lernten die 36-jährige Bestatterin als fröhliche, unbefangene und selbstbewusste Frau kennen. Als eine Frau, die offen zugibt, dass ihr der Beruf Freude macht. Es ist die Freude, Menschen in seelischer Not begleiten und die individuellen Wünsche der Verstorbenen und der Angehörigen erfüllen zu dürfen. Als eine „Mischung aus Managerin und Seelsorgerin“ versteht Sonja Temme ihre Arbeit.

Respekt endet nicht im Tod

Einblicke in das Bestatterhandwerk wollte Sonja Temme vermitteln. Dazu gehörte auch der Besuch von Trauerhalle, Urnenturm und Krematorium in Dortmund. Dort erlebten die Iserlohner Mädchen, aber auch die Bestatterin eine nächste Überraschung. Denn die Führung durchs Krematorium übernahm nicht etwa ein gestandener Mitarbeiter, sondern eine Schulpraktikantin. Die junge Frau, nur wenig älter als die Iserlohner Mädels, machte vor allem eines deutlich: Der Respekt vor den Menschen endet nicht im Tod. Hier geht man pietätvoll mit den Verstorbenen, aber auch mit den Angehörigen um.

Ein Besuch des Iserlohner Friedhofs gehörte natürlich auch zum Programm. So sieht ein Reihen-, so ein Urnengrab aus. Der Mittagsimbiss ähnelte einem Leichenschmaus. Im Bestattungshaus gestalteten die Mädchen Kranzschleifen. Und natürlich wurde auch gelacht.

Wird mit solchen Maßnahmen eine morbide Sensationslust angestachelt? Sonja Temme antwortet mit einem klaren „Nein“. Wie viele ihrer Kollegen möchte sie das Bestatterhandwerk entmystifizieren. Tod und Sterben gehören zum Leben. Noch vor nicht allzu langer Zeit hielten die Angehörigen stunden-, ja tagelang Totenwache neben ihren zuhause aufgebahrten Verstorbenen, bevor sie sie zu Grabe trugen. Diese Erfahrungen gibt es heute nicht mehr. Stattdessen: Verdrängen. „Kinder und Jugendliche sind heute gar nicht auf den Umgang mit dem Tod vorbereitet“, sagt Sonja Temme. „Man tut den Kindern keinen Gefallen, sie von allem, was mit Sterblichkeit zu tun hat, fern zu halten.“

„Ein Besuch bei einem Bestatter kann natürlich nicht die Angst vor dem Tod nehmen“, sagt Sonja Temme. „Und er ändert auch nichts daran, dass man traurig ist, wenn jemand stirbt.“ Doch so ein Besuch kann Verständnis wecken. Verständnis, dass Trauer und Abschied nehmen auch zum Leben gehören. Und Verständnis, dass Erinnerungen niemals sterben.