Bilder voller Ruhe und Einsamkeit

Iserlohn. (Red.) Michael Kenna, 1953 in dem kleinen Ort Widnes im Nordwesten Englands geboren, ist der wahrscheinlich renommierteste zeitgenössische Landschaftsfotograf weltweit. Er lebt heute mit seiner Familie in Seattle in den USA. Der Fotograf bevorzugt nach wie vor die traditionelle, analoge Technik auf Film, die ihm mehr Freiheit lässt und ihn unabhängiger macht. Die kleinen, quadratischen Formate, allesamt handabgezogene, selen-getonte Prints, sind delikate Preziosen, die eine faszinierende Atmosphäre, eine grafische Meisterschaft und eine großartige formale Einfachheit besitzen.

Ein Meister mit großer Anhängerschaft

Nach seiner Ausbildung an der Banbury School of Art wechselte Michael Kenna Mitte der siebziger Jahre an das London College of Printing, um sich professionell mit Fotografie zu beschäftigen. Die Dunkelkammerarbeit ist bis heute ein wesentlicher und bestimmender Bestandteil seines fotografischen Prozesses geblieben. Neben seinen Vorbildern Bill Brandt, Eugène Atget und Josef Sudek prägte ihn vor allem die Zeit bei Ruth Bernhard. 1977 ging Michael Kenna nach San Francisco, um fast zehn Jahre als Assistent für die amerikanische Fotografin zu arbeiten. Danach rückte immer mehr seine eigene Karriere in den Fokus. Michael Kenna löste sich formal und inhaltlich von seinen Vorbildern und erhob die eigene Stimme, die im Laufe der Jahre immer kräftiger wurde. Heute ist er selber ein Meister mit einer großen Anhängerschaft und leider auch zahlreichen Plagiatoren geworden.

Chess Board, Wimereux, France. 2000. (Foto: Michael Kenna)
Chess Board, Wimereux, France. 2000. (Foto: Michael Kenna)

Michael Kennas Werke entstehen bei ungünstigen Lichtbedingungen. Die Leichtigkeit des Sommers und das helle Licht meidet der Künstler zumindest in seinen Bildern. Das Prozesshafte der Aufnahme, das langsame Einschreiben des Lichts auf dem Trägermaterial, korrespondiert stark mit dem persönlichen Erleben der Orte, die Michael Kenna fotografiert. Es handelt sich um spirituell aufgeladene, aber auch industriell und kulturell codierte Architekturen und Landschaften, in denen der flüchtige Augenblick keine Rolle spielt. Natur und menschliche Strukturen entfalten hier oft seit Jahrhunderten einen eigenen, besonderen Dialog, dem der Fotograf nachspürt.

Aufnahmen wie die von den Touristenströmen befreiten Nachtansichten des Mont St. Michel atmen die spirituelle Kraft und Energie des Felsenklosters, die man zu anderen Zeiten kaum mehr erleben kann. Dies findet seine Entsprechung in ähnlichen Aufnahmen buddhistischer Tempelanlagen in Asien oder den heiligen Nebelbergen von Huangshan.

Der Prozess der persönlichen Annäherung des Künstlers kann dauern. Selten reist Michael Kenna nur einmal an einen Ort. Bei jeden neuen Begegnung entstehen neue Aufnahmen wie aus einem Strom der Möglichkeiten. Michael Kenna glaubt dabei nicht an das neutrale fotografische Dokument, aber an die unbedingte Interpretation der subjektiven Erfahrung in vielen verschiedenen Ansichten.

Über 100 Werke von Michael Kenna

Die Ausstellung in der Städtischen Galerie Iserlohn, die in enger Zusammenarbeit mit dem Künster entstanden ist, ist mit über hundert Werken aus allen Schaffensperioden die erste große Überblicksausstellung von Michael Kenna in Deutschland. Sie ist bis zum 22. Februar 2015 zu sehen.

Die Galerie öffnet mittwochs bis freitags von 15 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 15 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr.