Das Leben der kleinen Leute – Preis für „Iserlohn – denkmal“

Iserlohn/Münster. (Red.) Nicht reine Nostalgie lässt den
Verein „Iserlohn – denkmal“ für den Erhalt historischer Baukultur kämpfen. Ihm
geht es immer um das Verständnis, dass die Weiterentwicklung einer Stadt das
Wissen um deren Herkunft voraussetzt. An keinem anderen Gebäude als dem Haus
Südengraben 28 ließe sich dieser Grundgedanke besser veranschaulichen. Es stammt
aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und gilt als typisches Haus der „kleinen
Leute“. „Das Gebäude veranschaulicht in einzigartiger Weise die Geschichte der
Stadt wie auch die Weiterentwicklung vorhandener Bausubstanz in ein für Iserlohn
wiederum charakteristisches Handwerkerhaus. Der Erwerb des Hauses, seine Spende
an den Verein und die Restaurierung in ganz erheblicher Eigenleistung zeugen von
herausragendem bürgerschaftlichen Engagement“, lobt Dr. Karl-Heinrich
Sümmermann. Der Vorsitzende der Stiftung Westfalen-Initiative erläutert damit
zugleich die Entscheidung der Jury, das Projekt mit einem zweiten Preis im
diesjährigen Wettbewerb „Westfalen bewegt“ auszuzeichnen.
Auch die Märkische Bank ist von dem ehrenamtlichen Einsatz überzeugt. Sie hat
sich deshalb an der Auszeichnung beteiligt. „Hier übernehmen Ehrenamtler soziale
Verantwortung. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der Identität
der Stadt sowie zur Bewahrung und Vermittlung von deren Geschichte, die in die
gesamte Region ausstrahlt“, würdigt Vorstandsvorsitzender Hermann Backhaus den
Einsatz.
Über Jahre hatte „Iserlohn – denkmal“ auf den bedrohlichen Verfall des Hauses
aufmerksam gemacht. Als es dann Ende 2015 zwangsversteigert wurde, griff Peter
Treudt kurz entschlossen zu. Er erwarb das Haus. Die Initiative „Iserlohn –
denkmal“ wurde in einen gleichnamigen Verein umgewandelt und diesem das Gebäude
übertragen.
36 Quadratmeter für Freiwillige
„Als wir das 36 Quadratmeter große Häuschen das erste Mal betreten haben, bot
sich uns ein zwar nicht unerwartetes, gleichwohl aber erschreckendes Bild. In
den fast 30 Jahren des Leerstandes war Wasser in die Fachwerkwände eingedrungen
und hatte sie zum Teil großflächig zerstört. Die Bausubstanz war massiv
geschädigt“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Treudt.
„Aber die Vereinsmitglieder haben sich nicht entmutigen lassen, sondern
umgehend in die Hände gespuckt. Als erste Maßnahmen haben sie das Haus
entrümpelt und dringende Unterhaltungsarbeiten wie die Erneuerung der
Kamineindeckung und der Dachentwässerung vorgenommen“, verweist Bürgermeister
Peter Paul Ahrens auf den großen ehrenamtlichen Einsatz. Überzeugt hat ihn auch
das Konzept der künftigen Nutzung: Das Haus wird Menschen, die ein freiwilliges
soziales Jahr leisten, etwa in den Bereichen Archivwesen, Restaurierung oder
Umwelt, als Wohnraum zur Verfügung gestellt. Ziel ist die Erarbeitung eines
„wachsenden Archivs“ über die Lebensbedingungen in Iserlohn von der
Frühindustrialisierung bis ins 20. Jahrhundert.
Viel Eigenarbeit ist nötig
Bis dahin aber gibt es noch viel zu tun. Nach der Sicherung der Statik und
ersten dringlichen Instandhaltungsarbeiten, soll die eigentliche
denkmalrechtliche Instandsetzung im kommenden Jahr beginnen. „Wir möchten dabei
auch die Jugendbauhütte der Stiftung Deutscher Denkmalschutz in Soest einbinden.
Der überwiegende Teil der Arbeiten wird jedoch durch Restauratoren im Handwerk
und in Eigenarbeit ausgeführt werden müssen“, sagt Treudt. Der Vorsitzende weiß,
dass der Verein „Iserlohn – denkmal“ zur Fertigstellung des „Hauses der kleinen
Leute“ kräftige finanzielle Unterstützung braucht. Da kommen die 5.000 Euro
Preisgeld gerade recht.
Mit seinem Ansatz erfüllt das Projekt alle wesentlichen Kriterien des
Wettbewerbs „Westfalen bewegt“. Der war in diesem Jahr zum vierten Mal
ausgeschrieben. Er richtet sich an Gruppen in Westfalen, die in nachahmenswerter
Weise die Gestaltung der Zukunft selbst in die Hand nehmen und nicht allein auf
staatliche oder bereits institutionalisierte Hilfe bauen.
Bürgerschaftliches Engagement belohnt
Dieses beispielhafte bürgerschaftliche Engagement fördert die
Westfalen-Initiative in 2016 im Einzelfall mit bis zu 10.000 Euro. Insgesamt
stehen in diesem Jahr 40.000 Euro zur Verfügung. Seit 2013 hat die
Westfalen-Initiative 38 Projekte mit einem Gesamtbetrag in Höhe von 207.000 Euro
gefördert. Sie honoriert damit ganz maßgeblich den ehrenamtlichen Einsatz von
Bürgern in der Region.