Die 50er-Jahre im Grünertal: Kleines Sommerglück

Das Obergrüner Tal in den 50er-Jahren. Gelegentlich fuhr ein Lastwagen durch. Sonst war es still inmitten der Wiesen, Felder und Wälder: Ein Kinderparadies. (Foto: privat)

Iserlohn. (clau) Heinrich Bäcker hat ein wohlwollendes Echo erhalten auf den Auftakt zur Beschreibung seiner Kindheits- und Jugenderlebnisse im Obergrüner Tal der 50er-Jahre. Nach der ersten Veröffentlichung seiner Erinnerungen in der gerdruckten Ausgabe des Iserlohner wochenkuriers am Samstag, 4. August 2012, sprachen ihn immer wieder Leserinnen und Leser an, die viel Vergnügen am ersten Teil seines Berichtes hatten.

Heute geht es weiter mit den Bildern einer glücklichen, unbeschwerten Kindheit, die dem 65-jährigen ehemaligen Maschinenbauer nachts im Kopf herumfahren und aus ihm heraus wollen.

Wohlbehütet wuchs der kleine Heinrich mit seinen Eltern und dem drei Jahre älteren Bruder im Obergrüner Tal auf. Die Wohnverhältnisse waren beengt. Gebadet wurde in der Küche in einer Zinkbadewanne. Das Plumpsklo ohne Spülung und Heizung befand sich draußen in einem Anbau des Hauses. Und doch: Heinrichs Welt war rund und bunt und gut.

Heinrich Bäcker als Knirps in lederner Latzhose. Damals spielte sich sein Leben im Wald am Grüner Bach ab. Eine herrliche Kinderstube war das, meint er noch heute. (Foto: privat)

Davongekommen

„Dabei war der Krieg noch gar nicht so lang her“, sagt er. „Meine Mutter und ihre Schwester mussten mitten im Winter mit meinem 1943 geborenen Bruder aus Ostpreußen nach Westen fliehen.“

In der Obergrüne fand die Familie ein neues Zuhause. Sie blieben nicht die einzigen Flüchtlinge. „In den späteren Jahren folgten so viele Aussiedler, dass eine große Holzbaracke bei uns in der Nähe gebaut wurde“, erinnert sich Heinrich Bäcker. Dort war der Vater als Schreiner beschäftigt. Oft konnten die Kinder dem Holzfachmann bei seiner Arbeit zuschauen.

Eisernes Schweigen

Erbärmlich waren die Bedingungen, unter denen die meisten Familien zunächst leben mussten. In vielen fehlten die Väter. Sie waren vermisst, in Gefangenschaft oder ums Leben gekommen.

„Wir Kinder bekamen dazu keine hilfreichen Erklärungen“, sagt Heinrich Bäcker. „Die Erwachsenen reagierten auf unsere Fragen oft mit eisernem Schweigen.“

Gut erinnert er sich noch, wie oft Flugzeuge bedrohlich brummend auch über das sonst so stille Obergrüner Tal hinwegflogen. Rasselnde Panzer fuhren hindurch. Zum ersten Mal sahen Heinrich und seine Spielkameraden Menschen mit dunkler Hautfarbe, die die Kinder freundlich grüßten und ihnen zuwinkten. „Wir haben vielleicht gestaunt“, weiß Heinrich Bäcker noch genau. „So etwas kannten wir doch vorher nur von der schönen Verpackung der Sarotti-Schokolade!“

Kinderstube am Bach

Einen Kindergarten gab es nicht. „Im Wald haben wir Räuber und Gendarm gespielt“, erzählt Heinrich Bäcker. „Wir haben den Waldbach aufgestaut und die dort lebenden Tiere in Gläsern nach Hause getragen. Der Grüner Bach ließ sich im Sommer gut aufstauen. Darin konnten wir baden und selbst gebastelte Schiffchen zu Wasser lassen.“

Forellen jedoch gingen den fröhlichen Nachwuchsanglern trotz vielerlei Versuche kaum an die Angel.

Kleine Land-Leute

Auf der anderen Talseite gab es Wiesen und Kuhweiden. Die Eltern eines Schulkameraden hatten dort einen kleinen Bauernhof. „Oft haben wir geholfen beim Füttern der Kühe und Schweine oder beim Heuwenden. Dafür durften wir auch über Nacht bleiben und in der Strohscheune schlafen“, das gehört zu Heinrich Bäckers liebsten Erinnerungen. „Herrlich war auch die Obsternte. Dabei stand regelmäßige ,Qualitätskontrolle‘ im Vordergrund. Auch das ,Nachbars-Äpfel-Klauen‘ machte einen Heidenspaß, sorgte allerdings auch gelegentlich für ordentlich Ärger.“

Kartoffeln und Stoh

Wenn die Felder abgeerntet waren, wurden die Kinder darüber geschickt. Sie sollten die liegengebliebenen Kartoffeln aufsammeln. Nicht selten konnte so in diesen Zeiten der Not manche gute Mahlzeit von den Kindern herbeigezaubert werden. „Im Herbst tummelten wir uns in den Getreidefeldern“, so Heinrich Bäcker. „Aus den Halmen wurde zuhause Strohhalme zurecht geschnitten. Wer einen besonders langen ergattert hatte, konnte damit sogar richtig aus einer Flasche trinken.“

Mitmachen?

Möchte sich jemand miterinnern, hat etwas beizusteuern oder zu berichtigen? Heinrich Bäcker ist erreichbar unter Telefon 02372/ 75971 oder über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371/ 264-786 oder per E-Mail an redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.