Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild

Die Brüder Peter (l.) und Ernst Alberts als „Pimpfe“ in der Uniform, auf die sie stolz waren. Die Kinder wollten es den großen Leuten gleichtun im Handeln wie im Denken. Kriegsspiele und politischer Unterricht beherrschten fast restlos ihre gesamte Generation. (Foto: privat)

Hemer. (clau) Der Hemeraner Ernst Alberts lässt seit einigen Wochen die wk-Leserinnen und -Leser teilhaben an seinen Erinnerungen. Der zweite Sohn der Müllersfamilie in Sundwig weiß noch viele Einzelheiten aus seiner Schulzeit in den 40er Jahren, als er unter der brutalen Hand des Nazi-Regimes heranwuchs. Mit zehn Jahren kam Ernst zu den „Pimpfen“.

Die sogenannten „Pimpfe“ waren eine Vorstufe der Hitlerjugend, der HJ. Bei den „Pimpfen“ wurden die zehn- bis 14-jährigen Jungen pflichtgemäß zusammengefasst. Die Mädchen hatten sich dagegen dem „Bund Deutscher Mädchen“ anzuschließen, dem „BDM“.

Das „Kleid des Führers“

„Wir bekamen eine Uniform aus schwarzer Hose und braunem Hemd mit schwarzem Schlips, braunem, geflochtenen Schlipsknoten und breitem schwarzen Ledergürtel mit Wehrmachts-Koppelschloss“, berichtet Ernst Alberts. „Darauf waren alle – auch ich – außerordentlich stolz.“

Diese Uniform galt als „Kleid des Führers“. Wer es trug war klar im Vorteil: Er durfte etwa in der Schule nicht – wie es sonst allgemein üblich war – körperlich bestraft werden. Wer also gern auf Hiebe und Ohrfeigen verzichtete, ging in Uniform zur Schule, obwohl die meisten Lehrerinnen und Lehrer es nicht gern sahen.

Krieg spielen

„Auf dem Nachmittagsprogramm bei den ‚Pimpfen‘ stand politischer Unterricht – für uns erst Zehnjährige“, empört sich Ernst Alberts heute. „Ansonsten mussten wir unter der Leitung eines sogenannten ‚Fähnleinführers‘ singend marschieren, exerzieren und mit dem Luftgewehr schießen lernen.“

Auch wurden Geländespiele durchgeführt: Eine Gruppe mit roten Armbändern trat gegen eine andere mit blauen Armbändern an. Sieger war jeweils die Gruppe mit den meisten vom „Feind“ eroberten Armbändern. Ernst Alberts drückte sich gern vor dem Marschieren, hatte aber durchaus seinen Spaß an den Geländespielen.

Ziel des Ganzen war einerseits die politische Gehirnwäsche und andererseits die Vorbereitung der Jungen auf den Militärdienst. Früh gewöhnte man sie an eine militärische Organisationsstruktur und eine Rangordnung. So wie die Wehrmacht hatten auch Hitlerjugend und „Pimpfe“ spezielle „Truppenteile“. Mit seinem älteren Bruder Peter schloss sich Ernst Alberts dem Modellbau-Jugendzug an, weil er hoffte, hier mehr basteln als marschieren zu dürfen.

„Herrenvolk“ und „Untermenschen“

In der politischen Erziehung sowohl vormittags in der Schule als auch nachmittags bei den „Pimpfen“ wurde den Jungen eingeschärft, dass sie aufgrund ihrer germanisch-arischen Abstammung zum „Herrenvolk“ berufen seien und dass alle anderen Rassen insbesondere die Slawen „Untermenschen“ wären, die ihnen zu dienen hätten.

Die Juden wurden besonders angeprangert. Sie hätten den Krieg angezettelt, wollten das selbsterklärte „Herrenvolk“ bestehlen, beherrschen und letztlich vernichten. So bekamen es die Jungen immer wieder zu hören.

„Ich war völlig unkritisch als Zehn- oder Elfjähriger“, weiß Ernst Alberts noch gut. „Adolf Hitler, der Führer, war mir als Kind ein leuchtendes Vorbild. Die Parolen der NS-Propaganda, mit denen wir dauernd überall überschwemmt wurden, hielt ich für unumstößlich wahr. Ich habe damals alles geglaubt, was die Erwachsenen mir sagten. Die Beseitigung der Juden war folglich für mich selbstverständlich. Die hatten es ja nicht anders verdient – so glaubte ich es den Großen.“

Zug der Leichenkarren

Krieg war eben Krieg. Die Kinder kannten es kaum anders. Im letzten Kriegsjahr stieg auch die Zahl der toten Russen, die aus dem Kriegsgefangenenlager, dem STALAG, abtransportiert wurden, dramatisch an. Viele der russischen Kriegsgefangenen kamen aus den Zechen und Betrieben des Ruhrgebiets, wohin sie entsandt worden waren, völlig erschöpft und halb verhungert meist nur noch zum Sterben zurück in das Lager in Hemer.

„Die Toten wurden auf Pferdekarren zu den Massengräbern im Duloh oder in Höcklingsen angrenzend an den evangelischen Friedhof Hemer transportiert,“ weiß Ernst Alberts. „Ihr Sarg war ein Papiersack, aus dem unten die Füße herausragten.“

Massengräber

In den letzten Kriegsmonaten fuhren solche vollbeladenen Karren drei- bis viermal täglich durch Hemer. Die Toten in den Massengräbern überstreute man wegen Seuchengefahr mit Chlor-Kalk.

„Der stechende Geruch des Kalks vermischt mit dem Verwesungsgestank breitete sich rund um den Friedhof aus. Ich kann ihn bis heute nicht vergessen“, sagt Ernst Alberts, der das Grauen noch buchstäblich in der Nase hat.

Kontakt zu Ernst Alberts gibt es über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371/ 2647-86, Fax 02371/ 26061 oder per E-Mail an redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule