Eine Brücke ins ferne Ougadougou

Iserlohn. (as) Manchmal bekommt das Schicksal kalte Füße. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es war der 2. Januar, einer von vielen bitterkalten Januartagen des Jahres 1998, als Rasmané Tiendebreogo seine tropische, westafrikanische Heimat Burkina Faso verließ, um am Goethe-Institut in Iserlohn deutsch zu lernen und sich beruflich weiterzubilden. Der ungewohnten Kälte zum Trotz machte er sich am dritten Tag seines Iserlohn-Aufenthalts auf die Suche nach einer Kirche. Nur: Wo sollte er suchen? Er sprach das erste Paar an, das ihm auf der Straße begegnete – und fand nicht nur eine Kirche, die er fortan besuchen sollte, sondern zwei Menschen, die er heute Mama und Papa nennt. Sophia und Hans-Georg Bergandt wurden zu Rasmané Tiendebreogos Iserlohner Ersatzeltern. Genau wie Elfriede und Paul-Hermann Schieber. Zu fünft bauten sie Brücken vom fernen Ougadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, nach Iserlohn. Die Brücke trägt heute noch genauso wie vor 15 Jahren. Zurzeit ist Rasmané Tiendebreogo nämlich wieder zu Gast in Iserlohn – um Maschinen für seinen florierenden Betrieb in seiner Heimat zu kaufen und um seine beiden deutschen „Elternpaare“ zu besuchen. Die Begegnung in der Kälte war die Grundlage für ein kleines Märchen. Für eine Geschichte voller Zuversicht, Glaube – und einer damals unverhofften Karriere.

Nein, es war kein leichter Weg, für den sich Rasmané Tiendebreogo, der von seinen Freunden Raso genannt wird, entschieden hatte. Von der Kälte einmal ganz abgesehen. Als Sophia und Hans-Georg Bergandt ihren afrikanischen Ziehsohn Anfang dieses Jahres in Burkina Faso besuchten, hörten sie die lachend vorgetragene Geschichte, wie sich Raso auf den deutschen Winter vorbereitet haben soll. „Wir haben den Kühlschrank geöffnet, um zu testen, wie kalt es in Deutschland ist“, hieß es. Aber dann wurde die Kühlschranktür schnell wieder geschlossen. So kalt kann es nicht sein. Auch nicht in Deutschland. Niemals. – Von wegen.

Deutsche Tugenden gefürchtet

Raso lernte deutsch. In einem Solinger Betrieb bildete sich der damals 30-jährige Techniker weiter. Doch als er nach zwei Jahren in seine westafrikanische Heimat zurückkehrte, sorgte sein neu erworbenes Wissen eher für Skepsis. Der Regierungsbetrieb, in dem Raso angestellt war, schloss. Der junge Mann war arbeitslos. In anderen Betrieben bekam er keine Chance. Aus Deutschland, das weiß er heute, hat er die Tugenden Fleiß und Zuverlässigkeit mit in seine Heimat gebracht. Für die Verantwortlichen, die ihn hätten einstellen können, klang das eher wie eine Bedrohung. Als wolle er sich auf deren Arbeitsplatz stürzen und sie verdrängen.

Doch genau die deutschen Tugenden und sein inniger Glaube waren es, die Rasmané Tiendebreogo aus der Krise halfen. Er wollte sich selbstständig machen. Nur wie ohne Geld? Er bekam ein Darlehen vom World University Service. Tatkräftige Hilfe gab‘s auch von dem Solinger Betrieb, bei dem sich Raso in Sachen Instandhaltung und Reparatur weitergebildet hatte. Die deutsche Botschaft in Burkina Faso unterstützte den jungen Mann. Und auch auf die Hilfe seiner beiden deutschen Ersatz-Elternpaare konnte er vertrauen. Im Sommer 2004 wurde ein stattlicher Container nach Ougadougou geliefert. Darin gebrauchte Werkzeuge und Maschinen mit einem Gewicht von 8,4 Tonnen. Der Grundstock einer eigenen Werkstatt.

Rasmané Tiendebreogo sollte seine Helfer nicht enttäuschen. Er arbeitete und ackerte und schuf sich einen sehr guten Ruf. Nicht nur die Qualität seiner Waren wurde geschätzt, sondern auch die Pünktlichkeit, mit der er sie lieferte. Heute beschäftigt Rasmané Tiendebreogo in seinem Betrieb „Raso Tech“ elf Mitarbeiter, darunter vier Auszubildende und einen Wachmann. Er fertigt Pflüge, andere landwirtschaftliche Gerätschaften und manchmal auch Schulbänke. Alles eben, was ein aufstrebendes Land braucht, um nicht ausschließlich von Importen abhängig zu sein.

Religiöse Toleranz gehört zum Leben

Er sorgt für seine Frau Esther und seine drei Kinder. Er finanziert zwei Pflegekindern die Ausbildung. Er fühlt sich wohl und geborgen in seinem Land, das auch für religiöse Toleranz steht. Ein wenig überrascht, das andere sich vielleicht wundern, erzählt er von seinem katholischen Bruder, seinem muslimischen Bruder, seinem Vater, der einer alten Naturreligion anhängt, und sich selbst, einem evangelischen Christen. Alles ist normal. Genau wie die Gastfreundschaft, die Wertschätzung und die Herzenswärme, die Sophia und Hans-Georg Bergandt entgegen geschwappt sind, als sie Raso zu Beginn dieses Jahres in seiner Heimat besucht hatten. Als Dank für mitgebrachte Medikamente und ein Hörgerät wurden die beiden Iserlohner behandelt wie königliche Besucher. „Das war wie ein Traum“, sagt Sophia Bergandt. Traditionell eingekleidet wurden die beiden Gäste, eine Ziege und zwei Hühner wurden ihnen geschenkt. Sogar der Wirtschaftsminister nahm sich Zeit für ein Gespräch mit den beiden Iserlohnern.

Zurzeit ist Rasmané Tiendebreogo zu Besuch in Iserlohn. Er möchte expandieren. Weitere Maschinen für seinen Betrieb in Ougadougou kaufen. Kontakte pflegen, vielleicht neue Kontakte knüpfen. Und er genießt die Wärme des deutschen Sommers. Es muss ja nicht immer Winter sein. Das Schicksal muss schließlich nicht immer kalte Füße bekommen.