Eintönige Stanze setzt Romanbilder frei

Iserlohn. (clau) Die 48-jährige Iserlohner Metallarbeiterin legt während der Schicht täglich still Tausende von Metallteilen in ihre Stanze und stanzt und stanzt stundenlang. Dabei träumt sie sich weit weg. Immer wieder macht sie die immer gleichen Handgriffe. Aber innerlich tun sich ihr dabei farbkräftige, wilde, gewaltige Welten auf. Unter dem Schriftsteller-Namen Fianna Cessair hat die Stanzerin nun in zwei Bänden ihr Fantasy-Werk „SHIRIN. Die Macht der Eule“ herausgebracht.

Schreiben war und ist für Fianna Cessair der Zugang zu einer mystischen Welt, in der sie aus der Wirklichkeit abtauchen kann. (Foto: privat)

Ihre Arbeit ist eintönig – und das macht es ihr leicht, abzutauchen und zu versinken in der Bilderwelt, die sich fantastisch und geheimnisvoll in ihrem Innern entfaltet. „Geschrieben habe ich eigentlich schon immer“, sagt die gebürtige Braunschweigerin, die seit 1994 in Iserlohn lebt. „Mein erstes Buch habe ich schon mit 13 Jahren geschrieben und dann jahrelang mit mir durchs Leben getragen. Erst vor drei Jahren ist es unter dem Titel ’Trotz’ als Anthologie erschienen. Es handelt von einer problematischen Vater-Sohn-Beziehung.“

Auf der Flucht

Neun Kinder waren sie zuhause. Sie, so sagt die Autorin, sei die einzige, die ihre Kindheit beinahe ungebrochen überstanden hat. In ihrem Vaterhaus regierte der Alkohol. „Mein Vater meinte oft, das Schönste an Kindern sei das Machen“, erinnert sich seine Tochter noch heute bitter. Die Kinder wurden fast täglich misshandelt, geprügelt und auch missbraucht.

„Man muss sich irgendwie dagegen schützen“, sagt die vierfache Mutter und schon dreifache Großmutter. „Geschichten, Märchen, Legenden, Fantasien haben mir immer Wege aus der Wirklichkeit geöffnet, haben mich an innere Orte geführt, an denen ich unerreichbar war und alles abschalten konnte.“

Narben und Wegweiser

Die Narben bleiben bis heute. Jeden Tag kann irgendeine Kleinigkeit eine Flut von schmerzhaften Erinnerungsbildern in ihr auslösen.

Andererseits weiß die Schriftstellerin sehr wohl, dass ihr der Vater mit seiner eigenen großen Allgemeinbildung, seinem politischen Verständnis und seinen vielen Büchern auch einige gute Wegweiser gegeben hat. „Für mich gab es damals zwei Lebensträume: Entweder Mutter mit vielen Kindern – oder Journalistin in Krisengebieten“, erinnert sie sich. Mit 16 Jahren ist sie damals von zuhause weg gegangen, hat sich vergeblich als Azubi im Groß- und Außenhandel versucht.

In Irland aufatmen

Mit 19 Jahren kam sie zum ersten Mal nach Irland und blieb drei Monate lang. „Irland ist meine innere Heimat“, sagt sie. „Da kann ich frei atmen. Die Natur, der Menschenschlag, das wilde Meer, die Musik und die Mythen der Iren – das hat mich alles richtig eingefangen.“

Zurück in Deutschland folgten jahrelang Kneipenjobs. Dann folgten Heirat, die Kinder, die Trennung. Die ganz große Liebe führte die vierfache Mutter schließlich in die Waldstadt. Im Gepäck hatte sie einen reichen Vorrat an Gedichten, Kurzgeschichten, Manuskripten und einen wahren Schatz an Ideen. Aber bis heute setzt die 48-Jährige alles daran, mehrfach im Jahr nach Irland zu reisen. „Ich bin bedürfnislos“, sagt sie. „Was ich brauche sind Schreibgeräte, Bücher und Kaffee. Auf alles andere kann ich verzichten.“

Der Fantasy-Roman „SHIRIN. Die Macht der Eule“ hat sich farbkräftig und bildgewaltig für Schriftstellerin Fianna Cessair während ihrer monotonen Arbeit an einer Iserlohner Metallstanze entfaltet. (Foto: Autorin)

Fahrendes Volk in Not

Fianna Cessair, der Name unter dem sie ihre Bücher veröffentlicht, klingt nach Irland. „Einer irischen Legende nach hieß so die Enkeltochter des biblischen Noah. Nach der großen Sintflut verließ sie die Arche und besiedelte mit ihrer Familie die grüne Insel Irland“, erzählt die Autorin.

Als Fianna Cessair hat sie nun „SHIRIN. Die Macht der Eule“ geschrieben. Die Handlung spielt um 1300 in Rumänien. Das fahrende Volk leidet unter dem Einfluss des sich immer mehr ausbreitenden Christentums, unter Gewalt und Verfolgung. Die einzelnen heimatlos umherziehenden Sippen der Sinti und Roma sind zudem untereinander verfeindet. Nur eine 400 Jahre alte Prophezeiung gibt ihnen Hoffnung: Zwei Kinder, geboren mit dem Mal des Wolfes und dem Mal der Eule, sollen dem Volk Einigkeit, Freiheit und Frieden bringen. Aber die Kinder schweben auch in der Gefahr, Opfer eines hasserfüllten Wahnsinnigen zu werden

Das zweiteilige Werk ist im AAVAA-Verlag erschienen und kann für 11,95 Euro pro Band unter der ISBN-Nummer 978-3-8459-0320-0 im Buchhandel bestellt werden.

Tartaren, Chinesen und Wikinger

Fianna Cessair hat es ihrer neunjährigen Enkelin Shaya gewidmet. Aber sie denkt schon längst weiter: Im nächsten Teil der Geschichte – dann für Enkel Elias – will sie ihre Leser mitnehmen ins Reich der Tartaren und Chinesen. Ein Roman über die Wikingerzeit und die keltische Frühgeschichte in Irland – für Enkelin Mia – nimmt in ihrem Hinterkopf ebenfalls immer mehr Konturen an.