Erntedank im Katastrophenjahr

Iserlohn. (lwl) Was hat ein Vulkanausbruch in Indonesien mit dem Erntedankfest in Iserlohn zu tun? Dr. Peter Höher, früherer Volkskundler beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), hat sich intensiv mit der Hungersnot von 1816 beschäftigt, die von dem damaligen Vulkanausbruch verursacht wurde. Dabei hat er festgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Hungersnot und den Erntedankfesten geben könnte. Denn genau in dieser Zeit wurden profane Erntefeiern vollständig von kirchlichen Feiern verdrängt.

„Die kirchliche Feier der Ernte ist ein Fest voller Zeichen“, erklärt LWL-Volkskundlerin Katharina Klapdor. Die Altäre in den Kirchen sind häufig mit Feldfrüchten wie Kartoffeln, Mais oder Kürbissen geschmückt, auch Wein und Obst gehören dazu. Damit wollen die Gläubigen ausdrücken, dass gute Ernten nicht nur Menschenwerk sind, sondern auch den Segen Gottes benötigen. „Besonders häufig sieht man auch Brot auf den Altären. Das Brot als Produkt aus dem geernteten Getreide weist auf die hohe Bedeutung von Brot als Grundnahrungsmittel hin“, so Klapdor. In katholischen und evangelischen Gemeinden wird Erntedank meist am ersten Sonntag im Oktober gefeiert.
Der Vulkanausbruch und die darauf folgende, katastrophale Hungersnot im Jahr 1816 hatten zahlreiche Auswirkungen. Durch die bei dem Vulkanausbruch freigesetzten Partikel wurde das Sonnenlicht gefiltert, gleichzeitig wurden große Mengen an Schwefel und Staub in die Atmosphäre gepumpt. Deshalb ist die Bezeichnung „Jahr ohne Sommer“ für das Jahr 1816 durchaus wörtlich zu nehmen.

In vielen Teilen Deutschlands, auch in Westfalen, waren die Ernteerträge durch die langanhaltende Kälteperiode sehr gering oder fielen aus. Bereits im Juli wurde der Dauerregen von ersten heftigen Schneefällen begleitet, eine weitere Umschreibung für das Katastrophenjahr lautet deshalb „Achtzehnhundertunderfroren“.

Die gesamte Ernte in großen Teilen Mitteleuropas war zerstört, Nahrungsmittellieferungen aus anderen Teilen der Welt waren nicht möglich, da es keine Transportmöglichkeiten gab. Aus Armut und Verzweiflung wanderten viele Menschen in andere Länder wie die USA aus, in denen sie sich ein Ende ihres Elends erhofften.

Diese Kinder in Münster-Sprakel machen sich für den Erntedankzug 1953 bereit. (Foto: LWL-Archiv/ Risse)
Diese Kinder in Münster-Sprakel machen sich für den Erntedankzug 1953 bereit. (Foto: LWL-Archiv/ Risse)

Das Jahr, als die Ernte wiederkam

1817 fielen die Ernteerträge wieder besser aus, die Kirchen nahmen dies zum Anlass, um Dankgottesdienste zu veranstalten, auch in Gebieten, in denen Erntedankfeste vorher nicht gefeiert wurden. Die Idee, einem Gott oder Schöpfer für die Ernte zu danken, gab es allerdings schon lange vor 1817 und ist in vielen Religionen der Welt verbreitet. Für das Christentum gibt es zahlreiche Belege bereits in der Bibel, erste Erntedankfeiern lassen sich für das 3. Jahrhundert nach Christus nachweisen.

Auch heute wird das Erntedankfest noch in vielen Gemeinden gefeiert. „Die Feierlichkeiten an diesem Tag sind auch als Symbol zu verstehen. Man kann das Innehalten und die Dankbarkeit für den eigenen Wohlstand auch als Gegenentwurf zu den täglichen Verlockungen der Konsumgesellschaft interpretieren“, erklärt Klapdor.