Flüchtlinge in Hemer

„Wir stoßen an unsere Grenzen“: Birgit Land (links) und Christa Belabbes von der Verfahrensberatung der Diakonie Mark-Ruhr in Hemer. (Foto: Diakonie)

Hemer. (Red.) Die Grenzen sind erreicht. Die zentrale Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge in Hemer platzt aus allen Nähten. Wurden in den vergangenen Jahren durchschnittlich gerade einmal 350 der 500 Plätze genutzt, so ist die Einrichtung mit derzeit fast 600 Menschen völlig überbelegt. Zwischenfälle wie am zurückliegenden Wochenende, als die Polizei schlichtend einschreiten musste, zeigen die wachsende Spannung unter den Flüchtlingen, die sich in den beengten Unterbringungsverhältnissen zwangsläufig aufbauen müssen.

Die Situation ist angespannt: Täglich kommen neue Flüchtlinge hinzu. Allein zu Wochenbeginn waren es über 90 Männer, Frauen und Kinder, die sich alle an die Asylverfahrensberatung der Diakonie Mark-Ruhr auf dem Gelände wenden und um Hilfe bei der Anerkennung als Flüchtlinge bitten. Mazedonien, Syrien und Serbien sind die Länder, aus denen zuletzt die meisten Menschen flüchteten. „Diese Zustände gehen in Richtung Unmenschlichkeit“, sagt Birgit Buchholz, Prokuristin und Fachbereichsleiterin der Sozialen Dienste der Diakonie Mark-Ruhr. „Nicht nur, dass es an einer einigermaßen angemessen Unterbringung scheitert, wir können auch nicht mehr unserem Auftrag nachkommen, den Menschen die Hilfe und Beratung zu geben, die sie brauchen.“

Prüfungsbehörden sind überlastet

Christa Belabbes, Birgit Land und Irma Senning von der Diakonie Mark-Ruhr haben ihr Beratungsbüro täglich für die Flüchtlinge geöffnet. „Doch auch uns sind immer mehr Grenzen gesetzt. Die Prüfungsbehörden sind überlastet und kommen mit ihrer Arbeit nicht nach“, müssen sie feststellen.

Flüchtlinge kommen in Nordrhein-Westfalen zunächst in Dortmund an, von dort aus werden sie in die beiden einzigen zentralen Unterbringungseinrichtungen in NRW, also nach Hemer und Schöppingen, weiter geleitet. Hier sollten die Flüchtlinge bis zu drei Monate bleiben, ehe sie in Kommunen eine (vorübergehende) Bleibe finden. „Momentan sind es aber aufgrund der so hohen Belegungssituation nur zwei bis vier Wochen. Wir stoßen an unsere Grenzen. Eigentlich müssten wir uns noch intensiver um persönliche Schicksale kümmern, aber bei der Masse an Asylsuchenden, die wir aktuell, aber auch schon in den letzten Jahren zu verzeichnen haben, ist dies einfach nicht möglich“, berichtet Christa Belabbes.

Appell an die Entscheidungsträger

„Es muss dringend eine Aufstockung der Unterbringungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen und vor allem mehr Personal in den Bundesämtern sowie bei der Bezirksregierung geben“, lautet daher die klare Forderung von Pfarrer Martin Wehn, theologischer Geschäftsführer der Diakonie Mark-Ruhr, in Richtung der NRW-Landesregierung. Zuständig ist das Landesinnenministerium, hier müsste die Entscheidung fallen, eine dritte Unterbringungseinrichtung in NRW einzurichten und vor allem den involvierten Behörden mehr Personal zur Verfügung zu stellen, um sich den Erfordernissen der gegenwärtigen Situation anzupassen.

Bereits im Mai dieses Jahres hat sich die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe an das Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes NRW gewandt und auf die angespannte Situation mit Blick auf Asylsuchende hingewiesen. Birgit Buchholz, die auch Vorsitzende der Trägerkonferenz Migration und Flucht des Diakonie-Spitzenverbandes ist, hat jüngst noch einmal dazu aufgefordert, dass sich die Entscheidungsträger bei den Haushaltsplanberatungen für die Schaffung zusätzlicher Unterbringungs- und Beratungskapazitäten in Form einer dritten Unterbringungseinrichtung in NRW einsetzen, damit mittelfristig alle am Verfahren Beteiligten entlastet werden. Unterstützung hat bereits der Landtagsabgeordnete Michael Scheffler (SPD) signalisiert und zugesagt, sich des Themas anzunehmen.

Kleine Erfolge machen Mut

Neben Mazedonien, Syrien und Serbien kommen die meisten Flüchtlinge derzeit aus dem Irak, dem Iran, Afghanistan und Bosnien-Herzegowina sowie aus dem Kosovo. Für die Asylverfahrensberatung der Diakonie ist wichtig: Familien sollten nicht auseinander gerissen werden. Manchmal, wenn eigentlich längst Feierabend wäre, die Probleme der Flüchtlinge aber so drängend sind, dass dringend Hilfe erforderlich ist, arbeiten Christa Belabbes, Birgit Land und Irma Senning freiwillig auch bis in die Abendstunden: „Im April letzten Jahres kam ein völlig aufgelöstes afghanisches Ehepaar mit ihrem siebenjährigen Sohn zu uns in die Verfahrensberatung. Sie reisten mit Hilfe von Schleppern von Afghanistan nach Griechenland und von dort aus weiter nach Deutschland. In Griechenland waren die Familie, Ehemann, Ehefrau und ihre vier Kinder im Alter von fünf, sechs, sieben und neun Jahren noch komplett. Als die Schlepper sie von Griechenland aus in Bussen nach Deutschland bringen wollten, wurde die Familie brutal durch die Schlepper getrennt. Die drei älteren Kinder blieben allein in Griechenland zurück. Hier in Hemer angekommen, suchte das afghanische Paar sofort unsere Hilfe auf. Und, Gott sei Dank, wir konnten nach etlichen Telefonaten und Mails helfen und durch Unterstützung von ,Pro Asyl‘ die Kinder finden und zu ihren Eltern bringen.“

Solche „Erfolge“ lassen dann auch kurzzeitig über den Stress der viel zu vollen Unterbringungseinrichtung hinwegsehen. Doch das Problem wird auch durch die schönsten Erfahrungen nicht gelöst. Denn mit Blick auf die gegenwärtige Situation sind solche Unterstützungen eher die Ausnahme.