Gammelessen in Iserlohner Schulen?

Iserlohn/ Hemer. (as) Eine Fernsehsendung und die Folgen: Das „Team Wallraff“ hatte sich bei einer Recherche rund ums Kochen in Großküchen auch in die Firma „vitesca“ eingeschmuggelt, die sieben Iserlohner und drei Hemeraner Schulen mit Mittagessen für den Offenen Ganztag beliefert. Das Ergebnis der Undercover-Recherche: unappetitlich. Die Konsequenz der Stadt Iserlohn: Die Zusammenarbeit mit der Firma „vitesca“ wird zunächst ausgesetzt.

Vermutlich am Montag, 15. Juni 2015, sollen erste Ergebnisse einer Sonderprüfung des zuständigen Veterinäramts vorliegen. „Wir werden es von diesen Ergebnissen abhängig machen, ob wir überhaupt noch mit der Firma ’vitesca’ zusammenarbeiten werden“, sagt Katrin Brenner, Erste Beigeordnete und Leiterin des städtischen Ressorts Generationen und Bildung. In der Stadt Hemer geht man die Angelegenheit entspannter an: Bisher hat’s allen geschmeckt, was kürzlich erst eine Umfrage bestätigt hat. Also wird „vitesca“ weiter liefern. Bei der Stadt Hemer wird abgewartet, ob die Gesundheitsbehörden die „Wallraff“-Kritik bestätigen.

Was wirft das „Team Wallraff“ dem Wuppertaler Unternehmen „vitesca“ vor? Es sollen nicht einwandfreie Gurken sowie Nahrungsmittel mit überschrittenem Mindeshaltsbarkeitsdatum (MHD) verarbeitet werden. Zudem soll die Firma umfangreich bei Großhändlern kaufen, die Ware mit geringem Mindeshaltbarkeitsdatum anbieten. Weiterhin wurde dargestellt, dass beim so genannten „Cook & Chill“-Verfahren Speisen aus Zeitmangel nicht auf die erforderliche Temperatur von 3° C herunter gekühlt würden.

Die Realität auf den Kopf gestellt

Die Firma „vitesca“ räumt ein, dass das „Team Wallraff“ in einem Fall tatsächlich Recht habe. Eine Lieferung Bio-Rinderhackfleisch sei fehlerhaft registriert worden. „Dieser Fehler hätte nicht passieren dürfen“, heißt es aus Wuppertal.

Alle anderen Vorwürfe jedoch zeichnen, so eine Stellungnahme von „vitesca“, „ein Zerrbild, das die Realität in weiten Teilen auf den Kopf stellt“.

Erst im Januar sei der Betrieb von der zuständigen Lebensmittelüberwachung nach einer unangemeldeten Kontrolle mit „gut“ bis „sehr gut“ beurteilt worden. Jetzt, nach der Veröffentlichung, sind die Behörden natürlich wieder mit Kontrollen im Haus. „vitesca“ betont, sich streng an die Lager- und Produktionsabläufe zu halten, die für Gemeinschaftsverpflegung gelten. Das Unternehmen gibt sich transparent: Jeder interessierte Mensch sei „jederzeit eingeladen, uns zu besuchen und über die Schulter zu schauen – und zwar ohne Terminvereinbarung“.

Kritik an den Kritikern

Die Belieferung mit Mittagessen für sieben Iserlohner Schulen musste europaweit ausgeschrieben werden. Den Zuschlag bekommt natürlich der günstigste Anbieter. In diesem Fall die Firma „vitesca“ aus Wuppertal.

Legt man die Preise für Einkauf, Produktion und Lieferung zusammen, so kostet eine Schulmahlzeit in Iserlohn weniger als 2,80 Euro.

Klar, dass zu solchen Preisen keine Gourmetküche serviert wird. Dr. Dieter Sinn vom Gesundheitsamt des Märkischen Kreises rät darüber hinaus dazu, vorsichtig mit den „Team Wallraff“-Vorwürfen umzugehen. Er kritisiert die Kritiker: Lebensmittel kurz vor Ablauf des Mindeshaltbarkeitsdatums zu beziehen, sei nichts Schlimmes. Es handele sich dabei schließlich um einwandfreie Ware. Üblich sei auch, dass diese Produkte bei ihrer Anlieferung tiefgefroren werden, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu verwenden.

Ein anderer Caterer übernimmt

Was geschieht nun mit dem Schulessen in Iserlohn? Die Lieferungen durch die Firma „vitesca“ sind bis zur eindeutigen Klärung und Entkräftung der Vorwürfe ausgesetzt. Die Firma Eberhard könne das Essen für die betroffenen Schulen liefern, sofern diese es möchten.

Die Firma Eberhard ist ein weiterer Caterer, der im Rahmen der europaweiten Ausschreibung mit der Lieferung von Schulessen beauftragt wurde.

Welche Schulen sind betroffen?

Die in der Kritik stehende Firma „vitesca“ beliefert in Iserlohn die Hauptschulen Martin Luther und Letmathe, die Saat-, Batholomäus- und Kiliangrundschule und die Grundschule Sümmern sowie die Gesamtschule Nußberg.

„Bisher kein Grund zur Beanstandung“

„Ich bin sehr betroffen und habe großes Verständnis für die Verunsicherung der Eltern. Die Gefahr, dass die Gesundheit der Kinder durch verdorbene Lebensmittel beeinträchtigt worden sein könnte, ist einfach unvorstellbar“, sagt Katrin Brenner, Erste Beigeordnete und Leiterin des städtischen Ressorts Generationen und Bildung.

Stefan Thielemann vom Netzwerk Iserlohner Schulfördervereine (NIS) als Vertragspartner der Firma „vitesca“ erklärt, dass es bislang keinen Grund zur Beanstandung der Firma „vitesca“ gegeben habe.

Diese Aussage bestätigt auch Elke Diekmann, OGS-Leiterin der Bartholomäus-Grundschule. Ihre Schule wird täglich mit rund einhundert Essen beliefert.

Anja Breer von der Stadtschulpflegschaft betont, dass die Reportage zu großer Verunsicherung bei den Eltern geführt habe und dass jetzt vor allem eine umfassende Information nötig sei. Dies sichert Katrin Brenner zu.

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