Hirtenmädchen irrt durch das Rathaus

Diese kleine Hirtin mit ihrem Lämmchen ist auf ihrem Weg zur Krippe eine Woche lang durch Iserlohns Rathaus geirrt. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Sie steht. Pünktlich zum ersten Advent hat Horst Fiesel, zehn Jahre lang stellvertretender Bürgermeister der Stadt Iserlohn, seine Krippe aufgebaut. Um die 50 Figuren bevölkern sie. Aber die Hauptperson fehlt noch. Natürlich. Sie hat ihr Kommen aber für den 24. Dezember versprochen. Der Katholik Horst Fiesel nimmt die Angelegenheit „Krippe“ mit einem Ernst, der von Herzen kommt. Das war schon immer so.

„Mich hat bereits als kleiner Junge die Krippe gefesselt“, sagt er. „Damals wohnten wir noch am Nußberg. Mein Vater hat mir ein Grundgestell gebastelt, das ich dann jedes Jahr mit Leben füllen durfte. Schon damals besaß ich am Ende bestimmt um die hundert Figuren dazu. Die waren alle aus Gips.“

Die Krippe, die er in späteren Jahren selbst als Familienvater pflegte, hat er inzwischen seinem Sohn übergeben.

Bayrische Traditionskrippe

Seit 1995 nämlich sammelt Horst Fiesel nun an seiner bayrischen Traditionskrippe. Die Holzfiguren mit der seidenglatten Oberfläche und den feinen Gesichtszügen stammen aus einer Schnitzwerkstatt in Grainau, nahe Oberammergau, einer Gegend, in der Familie Fiesel seit vielen Jahren regelmäßig Urlaub macht.

Angefangen hat die „bayrische Fiesel-Krippe“ mit dem klassischen Starter-Set bestehend aus Stall und heiliger Familie.

„Die Figuren kosten durchschnittlich um die 100 Euro“, erzählt Horst Fiesel. „Was sie so teuer macht, ist nicht so sehr die Schnitzerei oder die wunderbare Bemalung. Das Trocknen des Holzes ist so aufwändig. Damit die Figuren später keine Risse bekommen, wird das Holz in einem langwierigen Spezialverfahren getrocknet.“

Viel Volk und viel Vieh

Jedes Jahr gönnt er sich eine neue kostbare Figur und sucht ihr einen guten Platz inmitten der Schar, die seine Krippe bereits bevölkert. Viel Volk und viel Vieh ist da schon zusammengeströmt auf der 90 x 170 Zentimeter großen Grundplatte, die sich in drei Stufen zum Stall hin aufbaut.

Neben der Heiligen Familie, dem Engel und den drei weisen Königen aus dem Morgenland – angereist per Packkamel und Pracht-Elefant – lagern die Hirten am offenen Feuer nahe dem Ziehbrunnen. Ziegen und Schafe grasen und dösen, ein kleiner Junge spielt Flöte. Ein Hirtenmädchen hält ein Lämmchen auf dem Arm und kniet andächtig vor der noch leeren Strohkrippe.

Irrfahrt durchs Rathaus

„Das Hirtenmädchen mit dem Lamm ist mein Neuzugang“, stellt Horst Fiesel die Kleine vor. „Sie hat schon eine Irrfahrt hinter sich. Aus Versehen hatte ich bei der Bestellung als Adresse „Schillerplatz 7“ angegeben – bis vor kurzem meine Dienstadresse im Rathaus. Da ist die Kleine dann auch angekommen und musste eine ganze Woche im Rathaus herumirren, bevor sie jemand auf den richtigen Weg zu mir brachte. Als Wiedergutmachung darf sie nun auch direkt an der Krippe ihren Platz einnehmen.“

Zwischenfälle

Eine Krippe wie sie im Buche steht mit inzwischen über fünfzig Figuren hegt und pflegt Horst Fiesel, der bekanntlich auch zehn Jahre lang als Iserlohns stellvertretender Bürgermeister wirkte. (Foto: Claudia Eckhoff)

Es ist nicht der erste „Zwischenfall“ rund um die Fieselsche Krippe. „Einmal, als die Grundplatte noch deutlich kleiner war, ist mir der Elefant abgestürzt und hat sich einen Stoßzahn abgebrochen“, berichtet der passionierte Krippenbauer. „Der musste dann im nächsten Urlaub mit nach Bayern fahren und ist vor Ort von seinem Schöpfer, dem Schnitzer Simon Runggaldier, repariert worden.“

Ein anderes Mal wurde es ganz unerfreulich lebhaft rund um das Moos. „Das bestelle ich immer zwei Wochen vorher im Fachgeschäft, denn das muss gut durchtrocknen, bevor ich die kostbaren Holzfiguren darauf stellen kann.“ Aber einmal hat Horst Fiesel es selbst frisch aus dem Lägertal herangeschafft: „Nie wieder! – Der ganze Flur kroch und meine Frau hat nur noch geschrieen.“

Wann endet Weihnachten?

Bei den Fiesels steht die Krippe jedes Jahr bis Ende Januar. Jeden Abend werden die Kerzen vor dem kleinen Stall entzündet, in dem ab Heiligabend das Christkind im Strohbett strampelt und lacht.

„Offiziell endet die Weihnachtszeit im Kirchenjahr neuerdings mit der Taufe des Herrn, am Sonntag nach Heilige-Drei-König“, sagt Horst Fiesel. „Früher war es üblich, die Krippe bis Maria Lichtmess am 2. Februar stehen zu lassen.“

Aber auch da gab es Extremfälle: „Ich habe in meinen früheren Jahren auch unter anderem Wäsche ausgefahren. Ich habe einen Haushalt an der Friedrichstraße beliefert, da stand noch im April der Weihnachtsbaum – mit Kugeln, aber komplett ohne Nadeln.“

Bettelarme Kirchenmäuse

Horst Fiesels schönstes Krippenerlebnis ist schon viele Jahre her. In den 80er Jahren war er Küster in St. Michael in Gerlingsen. Dort stand zur Weihnachtszeit eine Hirtenfigur an der Krippe, die zünftig in Cordhose und Strickpullover gekleidet war und einen Brotbeutel umhängen hatte. „Eines Abends, als ich meinen Kontrollgang durch die Kirche machte, sah ich, dass es im Beutel rappelte und zappelte. Ich griff danach – und eine kleine Maus sprang ängstlich heraus. Ja, die sind wirklich buchstäblich arm dran, die bettelarmen Kirchenmäuschen.“