Hunderte Christkinder schlafen in der Dechenhöhle

Iserlohn. (clau) Ende des 18. Jahrhunderts konnte Johann Wolfgang von Goethe in seiner Studierstube in Jena noch so sehr ins Dichten vertieft sein, seine heißgeliebten Schüttchen vergaß er nie. In vielen Briefen an seine Frau Christiane, die zuhause in Weimar das große herrschaftliche Haus hüten musste, ist von den geliebten Weihnachtsstollen die Rede. Mal mahnt er sie, bald los zu backen, mal fragt er, ob sie schon fertig sei, später lobt er die Schüttchen und schickt Kostproben an Freunde und Bekannte. Der große Dichter, Denker, Naturwissenschaftler und Staatsmann war eben ein Genussmensch mit allen Sinnen.

Christkind gebuttert

Der Letmather Konditormeister Ulrich Adolf und sein Bruder Thomas von der Rübezahl-Baude haben nun erstmals ihre Stollen in der Dechenhöhle zum Reifen eingelagert. Bei der Verkostung entströmte den Aufbewahrungskisten ein zarter Weihnachtsduft. „Nicht umsonst heißt er auch ,Butterstollen‘“, erklärt Ulrich Adolf. „Einerseits steckt schon im Teig aus Wasser, Mehl und Hefe ein ganz beträchtlicher Butteranteil. Andererseits wird der fertige Stollen zuletzt noch zusätzlich mit flüssiger Butter bestrichen oder sogar darin gebadet, bevor man ihn in Vanillezucker wälzt.“

„Christstollen“ heißt das beliebte Gebäck übrigens aus gutem Grund. Der Konditormeister erklärt: „Der Stollen wurde ursprünglich als Sinnbild des Christkindes verstanden. Die weiße Puderzuckerschicht rundherum soll die Windeln symbolisieren.“ Viel Gutes steckt im Stollen – von Mandeln über Zimt bis Marzipan und Rum. Mindestens drei Wochen lang muss er in Ruhe reifen, um sein volles Aroma zu entfalten. Höhlen-Chef Dr. Stephan Niggemann hatte bei den Weihnachtsführungen im vergangenen Jahr erstmals die Spezialität den Besuchern zu Kaffee gereicht. Da wurde die Idee geboren, den Stollen doch gleich wie den Whisky in der Höhle reifen zu lassen.

Limitiert in die Kiste

„Im letzten Januar haben wir dann einige Stollen gebacken und die Sache erst einmal ausprobiert“, verrät Ulrich Adolf. Das Ergebnis hat ihn überzeugt. Zweihundert limitierte Stollen reiften in den letzten Wochen bei konstanten zehn Grad unter den Tropfsteinen in der Dunkelheit heran. Nun werden sie in Schmuckkisten verpackt und mit einem Höhlen-Zertifikat versehen. Allein oder gepaart mit einem Gutschein für einen Höhlenbesuch sollen sie bald Weihnachtsfreude machen und einen besonderen Gaumenkitzel verschaffen. Gut, dass Höhlenbär und Säbelzahntiger schon ausgestorben sind und sich die Fledermäuse nichts aus Süßem machen. Bleibt die Frage, was wohl der alte Genießer Goethe zum neuen Höhlenstollen gesagt hätte.