Iserlohner Büro für leichte Sprache

Iserlohn. (th) „Vollen Zugang zur sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwelt, zu Gesundheit und Bildung sowie zu Information und Kommunikation…“ – Darauf haben laut der UN-Behindertenrechtskonvention, die vor ziemlich genau sechs Jahren ratifiziert worden ist und damit auch in Deutschland gilt, alle Menschen ein Recht.

In Anbetracht der Inklusionsdebatte und der digitalisierten Medienlandschaft mit ständigen mobilen Zugriffsmöglichkeiten stellt das kein Problem dar, sollte man meinen. Doch gerade im Bereich Kommunikation und Information werden oft schon von Anfang an Barrieren auf- statt abgebaut. Unverständliche Behördenbriefe, Formulare, Gebrauchsanweisungen und Verträge stellen für viele Menschen eine große Herausforderung dar, für Menschen mit Handicap unter Umständen eine unüberwindbare.

Um diesem Missstand entgegenzuwirken hat Netzwerk Diakonie zu Beginn des Jahres ein Büro für leichte Sprache eröffnet. Staatliche Institutionen, Unternehmen, Ärzte und soziale Einrichtungen können sich dort bei der Übersetzung ihrer Angebote in „leichte Sprache“ beraten und unterstützen lassen. Als Mitglied des Netzwerkes Leichte Sprache in Deutschland nimmt Netzwerk Diakonie damit eine Vorreiterrolle in der Region ein. Dieser Schritt fußt auf jahrelangen Erfahrungen mit einer Zielgruppe, die zu nicht unerheblichem Maße auf leichte Sprache angewiesen ist, berichtet Christian Müller, Netzwerk-Diakonie-Geschäftsführer.

Leichte Sprache

Doch was genau ist leichte Sprache überhaupt? Mandy Brösner, seit zehn Jahren als Diplom-Pädagogin für die Netzwerk Diakonie tätig und Leiterin des Büros für leichte Sprache, absolviert eine Ausbildung zur zertifizierten Übersetzerin. Sie erklärt, worauf es ankommt: Keine Fremdwörter; keine Abkürzungen; kurze, leicht verständliche Sätze; große, gut lesbare Schrift; kurze Absätze; unterstützende Bebilderung des Inhalts. Die gestalterischen Elemente heben dabei die leichte Sprache von einfacher Sprache ab.

Die Übersetzung in leichte Sprache ist eine schwierige Aufgabe, die Regeln dazu kommen vom Netzwerk Leichte Sprache. Diese Regeln sehen auch eine Prüfungskommission vor, die die Texte auf ihre Verständlichkeit prüft und ausschließlich aus Menschen besteht, die selbst auf leichte Sprache angewiesen sind. Neben Menschen mit Behinderung sind das auch ältere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und Legastheniker. Netzwerk Diakonie hat bereits eine eigene Prüfergruppe ausgebildet und arbeit zudem mit den Iserlohner Werkstätten zusammen. Die Jury geht die Texte mit den Übersetzern gemeinsam durch und verbessert sie gegebenenfalls auch gleich.

Selbstbestimmtes Leben ermöglichen

Das Büro hat seinen Sitz in den Räumen der Beratungsstelle des Netzwerks Diakonie. Auch in diesem Kontext spielt leichte Sprache eine wichtige Rolle, da die Beratungsstelle von vielen Menschen aufgesucht wird, die leichte Sprache benötigen, weiß Beate Jarzombek, Fachbereichsleiterin der Beratung. Deshalb wird auch das eigene Angebot der Beratungsstelle in Zukunft in leichter Sprache verfasst. Jarzombek erinnert an die UN-Behindertenrechtskonvention und deren zentrale Aspekte Barrieren abzuschaffen, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und gleiches Recht für alle durchzusetzen. Für Träger staatlicher Gewalt wie zum Beispiel Behörden und Gerichte sind diese Leitlinien verpflichtend.

Doch diese Verpflichtung wird in der Praxis bisher nicht konsequent umgesetzt. Stattdessen wird leichte Sprache aufgrund ihrer Gestaltung von vielen Seiten weiterhin belächelt und kritisiert. Deshalb ist auch die Bewusstseinsbildung in diesem Bereich sehr wichtig. Auch dazu möchte die Netzwerk Diakonie mit dem Büro für leichte Sprache beitragen. Eines der ersten konkreten Projekte ist die Übersetzung des städtischen Internetauftritts in Kooperation mit der Stadt Iserlohn. Relevante Infos wie zum Beispiel zur Grundsicherung sollen komplett in leichter Sprache angeboten werden. Solche Schritte sind notwendig, um allen Menschen ihr Grundrecht auf selbstbestimmtes Leben zu gewährleisten.

Statt leichter Sprache rechtliche Betreuer zur Bearbeitung von Verträgen und Formularen einzusetzen ist keine Lösung des Problems, ganz im Gegenteil: „Das ist kontraproduktiv und schafft eine Parallelwelt“, so Christian Müller. Bis alle Barrieren abgebaut sind und Inklusion in unserer Gesellschaft wirklich gelebt wird ist es noch ein weiter Weg, doch mit dem Büro für leichte Sprache geht die Netzwerk Diakonie in Iserlohn einen weiteren wichtigen Schritt.

Netzwerk Diakonie Iserlohn
Kurt-Schumacher-Ring 14
58636 Iserlohn
Tel. 02371 / 14416
www.netzwerk-diakonie.de