Kinder-Staunen am Lagerzaun

Der Hemeraner Ernst Alberts hat viele Einzelheiten aus seiner Kindheit und Schulzeit unter dem Schatten des Hakenkreuzes festgehalten. (Foto: Privat)

Hemer. (clau) Unter dem Titel „Aus verrückter Zeit“ hat Ernst Alberts, zweites von vier Kindern des Müllers auf der Sundwiger Mühle, viele Einzelheiten aus seiner Kindheit und Schulzeit unter dem Schatten des Hakenkreuzes festgehalten. Die Erinnerungen an die Kriegsgefangenen gehören dazu.

„In Hemer war noch vor Beginn des Krieges ein Kasernenkomplex mit vielen großen Gebäuden errichtet worden“, schreibt Ernst Alberts in seinem Rückblick. „Obwohl die Bauarbeiten bis 1939 noch nicht abgeschlossen waren, nutzte man die unfertigen Gebäude von Kriegsbeginn an als Kriegsgefangenen-Lager. Es bekam den Namen Stalag (Stammlager) VI A. Zuerst wurde es mit polnischen, später auch mit französischen und schließlich ab Herbst 1941 überwiegend mit russischen Soldaten belegt.“

Schwarze Sensation

Dieses Kriegsgefangenen-Lager gehörte in jenen Jahren ganz selbstverständlich zum Leben eines Jungen wie Ernst dazu. Hier gab es spektakuläre Dinge zu sehen, für die ein Lausbub an anderer Stelle aus seinem bescheidenen Taschengeld vielleicht sogar ein Eintrittsgeld erübrigt hätte. Hier gab es was zu staunen: Im Frühsommer 1940 etwa drückten sich die Kinder gern in der Nähe des Wachzaunes herum, denn es war eine Kompanie kriegsgefangener farbiger Soldaten aus den französischen Kolonien eingetroffen.

Auf freiem Feld vor dem Kasernengelände mussten diese Männer kampieren, sehr zur Unterhaltung der Kinder auf der anderen Seite des Zaunes. „Für uns war das eine Sensation, denn wir hatten doch noch nie dunkelhäutige Menschen gesehen“, gesteht Ernst Alberts.

Entwürdigte Russen

Im darauffolgenden Sommer eröffnete die deutsche Wehrmacht den zunächst außerordentlich siegreichen Krieg gegen die Sowjetunion. Auf die riesige Zahl der nun in Deutschland zu versorgenden russischen Kriegsgefangenen war die deutsche Verwaltung offenbar nicht vorbereitet.

Es kamen weit mehr russische Soldaten ins Hemeraner Stalag, als die Gebäude fassen konnten. Hinter einem eilig errichteten hohen und bewachten Stacheldrahtzaun mussten viele Männer unter freiem Himmel ausharren. „Als provisorische Toilette diente ihnen ein einfacher Donnerbalken ohne jegliche Abschirmung“, berichtet Ernst Alberts. „Ich muss es gestehen: Wir Kinder hatten unseren Spaß daran, zuzuschauen, wie diese armen Menschen unter solch unwürdigen Bedingungen den Donnerbalken benutzten.“

Dieses Außenlager wurde bald danach nicht mehr belegt. Die russischen Kriegsgefangenen hatte man als billige Arbeitskräfte in die Zechen des Ruhrgebietes „überstellt“, wo sie meist die Strapazen nicht lange überlebten.

Im krassen Gegensatz

Nah vor Augen hatten Ernst und seine Spielkameraden das Leid der russischen Gefangenen, die menschenverachtend behandelt wurden. In der Schule dagegen hatte Lehrer St., ein überzeugter Nationalsozialist, etwas erzählt, das dazu im krassen Gegensatz stand. „Er berichtete uns von seinem Sohn, der als Flieger über Russland abgeschossen worden sei“, weiß Ernst Alberts noch. Der Sohn und zwei weitere Besatzungsmitglieder hätten sich durch eine Notlandung retten können. Russische Dorfbewohner hätten die drei Deutschen vor den Sowjets versteckt und mit Lebensmitteln versorgt, bis die Wehrmacht dieses Dorf eroberte. „Er endete damit, uns zu berichten, dass sein Sohn und seine Kameraden nun wieder als Flieger im Einsatz seien“, so Ernst Alberts.

Heimliche Hilfe für Juden

Im Jahr 1941 wurde den Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten befohlen, einen gelben Davidstern, im Volksmund „Judenstern“ genannt, mit der Aufschrift „Jude“ auf der linken Seite der Kleidung in Höhe des Herzens deutlich sichtbar zu tragen.

Ernsts Großtante Emma Schulte-Riemke war mit einer jüdischen Familie bekannt. In der Sundwiger Mühle und bei ihrem Bruder auf dem elterlichen Bauernhof holte sie Lebensmittel, die sie heimlich der jüdischen Familie gab. Ernsts Mutter sorgte sich um die Sicherheit der Tante und warnte sie vor den schlimmen Folgen, die diese Hilfsaktion für sie selbst und die eigene Familie haben könnte. Wohlmöglich drohten gar Verhaftung oder Abtransport. „Meine Tante Emma sagte darauf aber nur: ‚Die Leute brauchen was zu essen. Ich kann sie doch nicht verhungern lassen’“, zitiert Ernst Alberts, der damals das heimliche, leise Gespräch der beiden Frauen belauschte.

Drei Jahre später lebten in Hemer wahrscheinlich keine Juden mehr. Der Volksschüler Ernst jedenfalls sah keine Menschen mehr mit gelbem Stern auf der Brust. Durch „Flüsterpropaganda“ war bekannt, was mit ihnen geschehen war: Jeweils in den frühesten Morgenstunden, wenn die Stadt noch schlief, hatte man sie zusammengetrieben und abtransportiert in die Konzentrationslager im Osten…

Kontakt zu Ernst Alberts gibt es über die wochenkurier-Redaktion unter Telefon 02371 / 2647-86, Fax 02371/ 26061 oder per E-Mail an redaktion.iserlohn@wochenkurier.de.

Ernst Alberts erinnert sich: Alle elf Teile der Serie im Überblick

  1. Kindheit unterm Hakenkreuz
  2. „I-Männchen“ redet die Familie in Gefahr
  3. Für‘s Leben lernen? Hitlergruß und Heimatfront
  4. Lebensmittelkarten und Fliegeralarm
  5. Kinder-Staunen am Lagerzaun
  6. Krieg nähert sich Schule und Alltag
  7. Die „Pimpfe“ folgen treu ihrem Vorbild
  8. Letzte Kriegstage: Kinder an Waffen
  9. Amis, Plünderungen, Flüchtlinge & Hunger
  10. Hochexplosives Jungen-Spielzeug
  11. Zurück in der Schule