Kindheitserinnerungen an die Möhnekatastrophe

Jürgen Grewe zeigte sich gern bereit, Helga Loschinsky durch sein Haus an der Mühlenstraße 22 zu führen, wo viele Erinnerungen wieder wach wurden. (Foto: Norbert Fendler)
Jürgen Grewe zeigte sich gern bereit, Helga Loschinsky durch sein Haus an der Mühlenstraße 22 zu führen, wo viele Erinnerungen wieder wach wurden. (Foto: Norbert Fendler)

Schwerte. (NO) Die Zeit vergeht, die Erinnerung bleibt. Nicht vergessen kann Helga Loschinsky ihre Erlebnisse inmitten der am 17. Mai 1943 durch britische Bomben ausgelösten Möhneflut. Über dieses unglückselige Ereignis hat der wochenkurier in den vergangenen Ausgaben ausführlich berichtet.

Die Bombardierung der bis zum höchsten Punkt gefüllten Talsperre forderte weit über tausend Menschenleben. 1294 Tote und Vermisste wurden gezählt, darunter 800 Tote im Zwangsarbeiter-Lager oberhalb Neheim.

An der Stätte des Unglücks

Helga Loschinsky war zum Zeitpunkt der Katastrophe gerade einmal dreieinhalb Jahre alt und lebte damals mit ihrer Mutter im Haus Mühlenstraße 22 in Schwerte, wo ein Hochwasserstand von 353 Zentimetern erreicht wurde. Die plötzliche Überschwemmung wurde der Witwe Auguste Grewe zum Verhängnis – sie ertrank in den Fluten. Helga Loschinky überlebte – und kann die Bilder der lange zurückliegenden Ereignisse nicht vergessen.

„Mit den Artikeln im wochenkurier wurde plötzlich alles wieder präsent. Deshalb wollte ich die Stätte des Unglücks noch einmal besuchen“, so die 73-Jährige, die 1960 nach ihrer Heirat von Schwerte ins benachbarte Iserlohn zog.

Brausen in der Luft

In der Mühlenstraße 22 – das Haus steht bereits seit 216 Jahren – lebte sie als ganz kleines Kind bis zur Möhneflut mit der Mutter, der Vater war in Königsberg stationiert. „Unten rechts im Haus war unser Schlafzimmer“, weiß Helga Loschinsky noch ganz genau.

Am 17. Mai 1943 erreichte die Flutwelle der rund 50 Kilometer entfernten Möhnetalsperre um 5.15 Uhr die niedrig gelegenen Straßen Schwertes. „Ich kann mich erinnern, dass schon vorher Unruhe in der Mühlenstraße herrschte, viele Leute waren draußen, und plötzlich lag ein Rauschen, Knacken und Brausen in der Luft. Meine Mutter wollte schnell noch etwas aus dem Haus holen und bat einen Feuerwehrmann, mal eben auf mich aufzupassen. Er nahm mich auf den Arm und gemeinsam warteten wir vor dem Haus.“

Weiße Fontäne

Aber offenbar nicht lange. Plötzlich fand sich die kleine Helga ganz allein auf der Straße wieder, „der Feuerwehrmann hatte offenbar das Weite gesucht und ich stand schon bis zu den Waden im Wasser. Das Getöse wurde noch lauter und plötzlich wurde der Kanaldeckel vor mir mit ungeheuerer Gewalt in die Luft geschleudert und dem Kanal entstieg eine meterhohe, weiße Wasserfontäne. Ich war wie gebannt, wusste aber letztendlich gar nicht, wie mir geschah…“

Helga lebt!

Martha Demgen, die das Hinterhaus an der Mühlenstraße Nr. 26 bewohnte, rettete schließlich das Kind vor dem herandrängenden Wasser, hörte die verzweifelten Rufe nach ihm und rief immer wieder: „Helga lebt, Helga lebt“. „Dann kann ich mich daran erinnern, dass ich später von der Mühlenstraße 26 aus in eines der Boote gesetzt wurde, die vom Ausflugslokal Rettelmühle aus organisiert wurden. Auf der Anhöhe hinter der Mühlenstraße in Richtung Wuckenhof befanden sich etliche Menschen, darunter auch meine Mutter, die mich schließlich überglücklich in die Arme schloss.“

Nie darüber gesprochen

Jahrzehnte sind nach diesen dramatischen Ereignissen vergangen. „Zuhause haben wir nie, nie mehr ein Wort darüber verloren“, so die 73-Jährige. „Als ich dann, ich muss so zehn, elf Jahre alt gewesen sein, meine Mutter darauf hin ansprach, meinte sie, das könne ich doch alles gar nicht mehr wissen, ich sei doch noch so klein gewesen. Doch dann schilderte ich meine Erlebnisse und konnte sogar mein Dirndl, das ich damals anhatte, genau beschreiben, da war meine Mutter baff…“

Grewe weiß Bescheid

Die Erinnerung an die Folgen der Möhnekatastrophe sind auch für den Schwerter Jürgen Grewe, 65, präsent. Kein Wunder, denn der ausgewiesene Spezialist für dieses Ereignis, der über die Jahre ein umfangreiches Archiv zum Thema aufgebaut und sich umfangreiches Fachwissen angeeignet hat, lebt im Haus Mühlenstraße 22 – dort, wo seine Großmutter Auguste Grewe, Mutter von elf Kindern, bei der Überschwemmung ertrank.

Die Angst bleibt

Helga Loschinski wird die große Flut für immer im Gedächtnis bleiben. Was manchmal beklemmend ist. Denn beim Urlaub an der Nordseeküste überkamen sie beim Meeresrauschen unangenehme Gefühle. „Und als ich vor längerer Zeit mit meinem damals noch lebenden Mann bei einem Spaziergang die Staumauer der Möhnetalsperre betrat, blieb mir plötzlich die Luft weg. Merkwürdig – aber vor der Möhne habe ich immer noch Angst…“