Mühevolle Integrations-Arbeit

Iserlohn. (clau) Thilo Sarrazin, ehemaliger Senator in Berlin und bis vor kurzem Bundesbanker, hat mit seiner Kritik an der Integrationspolitik wochenlang derart die Nation aufgewühlt, dass er am Ende der Bundesregierung zu „heiß“ wurde. Wie steht es derweil um die Integration besonders von Kindern vor Ort in Iserlohn? – Der wochenkurier fragte in einem sozialen Brennpunkt am Rande der Stadt nach.

Hier arbeitet seit mehreren Jahren eine städtische Erzieherin tagtäglich mit Kindern, die zu 90 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Sie hat über lange Zeit ein enges Vertrauensverhältnis zu deren Eltern aufgebaut, die sie in so ziemlich allen Lebensfragen unterstützt. Dabei fragt sie sich oft, wohin die Reise eigentlich geht.

Dritte Generation

Frau P. – so wollen wir sie nennen – möchte sich öffentlich nur anonym äußern, um ihr gutes Verhältnis zu den Eltern der ihr anvertrauten Kinder nicht zu belasten oder gar zu zerstören.

„Die Kinder, die zu uns kommen, gehören schon zur dritten Zuwanderer-Generation“, sagt Frau P. „Die, die uns heute ihre Kleinen schicken, gehörten vor Jahren selbst zu unserer Kindergruppe.“

Die meisten sind Moslems, ihre Vorfahren stammen vielfach aus Kleinasien oder von der Nordküste Afrikas.

Kein Problem der Sprache

„Fast alle sprechen gut Deutsch, sind aufgeschlossen und fühlen sich wohl hier, aber von einem ,Verschmelzen‘ mit unserer deutschen Gesellschaft kann auch in der mittlerweile dritten Generation überhaupt keine Rede sein“, sagt Frau P.

Das sei nicht wirklich eine Frage der Sprachkenntnisse, so die Erzieherin: „In der zweiten Generation, die heute Eltern sind, kamen die Kinder meist gänzlich ohne Deutschkenntnisse in den Kindergarten – und alles empörte sich darüber. Nun bei der dritten Generation haben die Eltern zunächst versucht, die Kinder gleich zweisprachig großzuziehen. Das aber funktioniert nur, wenn wirklich beide Sprachen in der Familie wie eine Muttersprache leben. Wenn das nicht der Fall ist, verwirrt man die Kinder nur unendlich und sie sind am Ende in keiner Sprache richtig verwurzelt.“

Aus diesem Grunde lege die heutige zweite Elterngeneration – verständlicherweise – wieder viel stärker Wert auf die meist arabische Muttersprache in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder.

„Da sind wir also wieder quasi am Anfang: Die Kinder kommen mit geringen Deutsch-Kenntnissen zu uns. Aber das macht nichts. Sie lernen ganz schnell, denn hier in unseren Räumen wird nur Deutsch gesprochen und das beherzigen auch die Eltern“, sagt die Endvierzigerin.

Liebevolle Hilfe

Allerdings könnte es mit dem Deutschlernen noch viel schneller gehen, wenn einfach mehr deutsche Kinder da wären: „Denn Kinder lernen in erster Linie von anderen Kindern.“

Wenn die Kinder aus diesem sozialen Brennpunkt zur Schule kommen, sprechen sie in der Regel gut Deutsch. Nachmittags kommen sie mit ihren Hausaufgaben und Fragen bei Frau P. und ihren Kollegen angestürmt, und erhalten dort liebevolle „Mama-Hilfe“, wie die Erzieherin es selbst nennt.

„Ohne unsere Hilfe würden unsere Kinder am nächsten Morgen wohl meist völlig ohne gemachte Hausaufgaben in der Schule erscheinen. Zuhause kann sie kaum jemand ausreichend unterstützen.“

Aufgeblähte Stundenpläne

Zur Zeit leiden die Schulkinder hier wie die Schulkinder überall im Land besonders unter den bis zum Anschlag aufgeblähten Stunden- und Lehrplänen, die kaum noch Zeit für Spiel und Spaß, Sport oder Musik lassen. „Heute sind die Kinder nachmittags froh, wenn sie am Ende noch zehn Minuten zum Kickern haben“, bedauert Frau P.

Trotzdem findet man in ihrer Einrichtung Zeit zum Feiern: Alle Feste und Bräuche der verschiedenen Kulturen feiern die Menschen hier am Rande Iserlohns gemeinsam: Schlachtfest, Nikolaus, Ramadan, Ostern, Karneval – alles hat hier seine Zeit, seinen Reiz und seine Freude.

Mit Respekt

„Wir lernen von einander, wir tauschen uns aus, wir respektieren uns. Integration ist für mich – für uns – etwas Gegenseitiges“, so sagt Frau P.

Und doch: Sie weiß, dass um ihre Einrichtung herum im Grunde ein Ghetto besteht. Die Menschen sind unter sich und bleiben es auch. Eng sind die Familienbande und die Verflechtungen. Man lebt eng miteinander und fühlt sich durchaus auch wohl in diesem kleinen Dorf in der Stadt.

Es gibt keine deutschen Spielkameraden, keine deutschen Nachbarn – und man braucht sie auch nicht wirklich: „Es sind eher die Jungen, die irgendwann in den höheren Schulklassen sagen ,‘ich will hier raus‘ und die sich dann ins Zeug legen und auch erfolgreich sind“, so Frau P.s Erfahrung.

Große Kluft

„Aber auch diese jungen Männer heiraten keine deutsche Frau. Oh nein! Da gibt es eine unüberbrückbare Kluft. Und die jungen Frauen – auch wenn sie hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind – haben meist eine ganz eindeutige Lebensausrichtung. Sie wollen Hausfrau und Mutter werden. Oft kommt der Bräutigam dann auch wieder aus dem Ursprungsland der Familie.“

Frau P. leistet eine Art Entwicklungshilfe – so sieht sie es. Sie spricht von „Bereicherung“ nicht vom „Verschmelzen“.

„Es gibt die Ghettos. Es gibt die Blöcke. Und wer nicht will, dass sie sich zu negativen Zentren entwickeln, der muss vor Ort Hilfe anbieten, damit die Menschen sich wohlfühlen. – Wir bräuchten viel mehr davon – in jedem Brennpunkt.“