Notstand in der Psychotherapie

Iserlohn. (Red./as) Die Nachfrage regelt das Angebot. So heißt es gemeinhin. Im Bereich der Psychotherapie lässt sich diese schlichte Weisheit des Marktes nicht anwenden. Die Nachfrage ist riesig. Doch es fehlen Therapieplätze.

„Wer sich heute meldet, muss mit einer Wartezeit von 18 Monaten rechnen“, sagt Diplom-Psychologe Thomas Graumann. Und: „Das ist unhaltbar.“ Thomas Graumann und seine Mitstreiter aus dem Psychologischen Beratungszentrum Iserlohn möchten auf die „katastrophale Versorgungssituation für die Patientinnen und Patienten auch im Märkischen Kreis“ aufmerksam machen. Gesprächspartner sind Vertreter der Politik. Am Montag, 5. Dezember 2011, werden Thomas Graumann und seine Kolleginnen und Kollegen die prekäre Situation der Psychotherapie im Kreis dem Bundestags-Abgeordneten Matthias Heider (CDU) erläutern.

Es gibt zu wenig Plätze für eine ambulante Psychotherapie im Märkischen Kreis. Das hat mehrere Gründe. Ein wesentlicher Grund: Die Berechnung der notwendigen Anzahl psychotherapeutischer Praxen fußt auf Zahlen aus dem Jahr 1999. Doch seither hat sich vieles geändert. Patientinnen und Patienten gehen selbstbewusster um mit psychischen Erkrankungen, lassen sich eher auf Behandlungen ein. Auch die Sensibilität bei Medizinern ist größer geworden: Viele vermeintlich somatische Erkrankungen gehen auf psychische Probleme zurück. Außerdem ist es gesundheits-politischer Wille, Menschen in Krisen-Situationen eine Psychotherapie zu ermöglichen. Doch was nutzt es einer Brustkrebs-Patientin, wenn ihre Krankenkasse ihr zwar eine Psychotherapie genehmigt, sie eine Therapie jedoch erst in zwölf, 15 oder 18 Monaten aufnehmen kann? Krisen-Intervention sieht anders aus.

Dem Bedarf nicht nachkommen

Das Psychologische Beratungszentrum (PBZ) Iserlohn ist die älteste Psychotherapeutische Praxis in Iserlohn. Heute arbeiten dort sieben Erwachsenen- sowie zwei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Täglich melden sich neue Behandlungsbedürftige aus Eigeninitiative oder sie werden vom Haus- bzw. Facharzt überwiesen. Die Warteliste ist lang, da die zugelassenen Psychotherapeuten dem Bedarf schon lange nicht mehr nachkommen können. Die Situation sieht in anderen Praxen nicht anders aus.

In Anbetracht dieses Notstandes kommt es den Iserlohner Psychotherapeuten völlig aberwitzig vor, dass der Märkische Kreis nominell – nämlich nach dem altem Zahlenmaterial aus den 90er Jahren – als überversorgt gilt. 13 so genannte Kassenplätze im Märkischen Kreis stehen zur Disposition. Bei Kassenplätzen handelt es sich um Therapeuten mit einer kassenärztlichen Zulassung. Nach dem noch im Dezember zu verabschiedenden „Versorgungsstrukturgesetz“ wird es den Kassenärztlichen Vereinigungen sogar möglich werden, Praxissitze aufzukaufen und danach zu schließen.

Für den Märkischen Kreis hieße das: Die Versorgung wirde noch stärker ausgedünnt. „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Plätze“, sagt Diplom-Psychologe Thomas Graumann. „Faktisch haben wir einen viel höheren Bedarf an ambulanter Psychotherapie.“ Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen fordert er: „Im Interesse aller Patientinnen und Patienten, die dringend und kurzfristig eine qualifizierte psychotherapeutische Versorgung benötigen, muss dafür gesorgt werden, dass aktuelle Erkrankungszahlen erhoben werden und so der tatsächliche Behandlungsbedarf zur Grundlage von politischen Entscheidungen gemacht wird.“ Denn: Die Wartezeiten, mit denen die Patientinnen und Patienten heute zurecht kommen müssen, sind verheerend.