Schaf abgeschossen

Günter Opalka bearbeitet zur Zeit Dokumente aus zwei Jahrhunderten, die den Hof des heutigen Kartoffelbauern Friedrich Loose aus Kesbern betreffen. (Foto: Claudia Eckhoff)

Iserlohn. (clau) Mit äußerster Dreistigkeit wurde zum Jahreswechsel auf den Höhen bei Kesbern ein Schaf abgeschossen. Der Täter schleppte anschließend das tote Tier eigenhändig bis nach Iserlohn hinunter ins Tal und prahlte auch noch in einer örtlichen Gaststätte damit…

Genau 214 Jahre liegt die Missetat zurück, die damals schon zur Anzeige kam. Zugetragen hat sie sich zu Silvester 1797. Damals schoss der Unter-Förster Honigmengel „unter die Herde, tödtet ein Schaaf und prahlt beim Wirt Pühl im Iserlohner Rathskeller“ damit. So berichtet Caspar Diedrich Dodt aus Kesbern, Vorfahr des heutigen Kartoffel-Bauern Loose, und damals Besitzer des Schafes. Jener Soldat Dodt bringt die Tat zur Anzeige.

Der Tathergang

„Wohl- und HochEdelgebohrne Insonders Hochzuehrende Herren. Ehrwürdige Wohl und HochEdelgebohrn werden gütigst erlauben nachstehende Klage ad Protocollum (zur amtlichen Aufzeichnung) zu geben“ – so beginnt er sein Schreiben an die rechtsprechende Obrigkeit. Und er schildert: „Am 29ten December, wo unsere Schaaf Herde am Kesber felde über Hermes-Landes im Berge geweidet und bey der äußerst schlechten und ungestümen Witterung der Hirte nach Hause gekommen, um sich in etwas zu erquicken und zu wärmen, hat es sich zugetragen, das der Unter-Förster Honigmengel (ich weiß nicht aus welcher Absicht) unter die Herde geschoßen, und davon eins getödtet, und die andern dergestalt darauf zerstreuet, daß wir selbige erst in spätem Abend wieder zusammen bringen können. Dieses von vorbenanten Unter-Förster getödtete Schaaf hat er auch so gar nach Iserlohn zu Hause getragen, und bey dem Gastwirth Pühl bekandt gemacht, daß er einem Kesber Bauern ein Schaaf todt geschoßen, welches Pühl mit seinen Haußgenoßen bezeugen können .“

Schadensersatz?

Jener Dodt schließt sein Schreiben in der Hoffnung auf baldigen Schadensersatz mit einer tiefen Verbeugung, so wie es zu seiner Zeit üblich und notwendig war: „schuldig gehorsamster Diener Casp. Died. Dodt, Mousquetier.“

Historische Akten

Diese „Räuberpistole“ fand sich unter den Akten des Kartoffel-Bauern Friedrich Loose, der regelmäßig Kartoffeln und wintertags auch Weihnachtsbäume auf dem Wochenmarkt in Letmathe verkauft.

Diese mehrfach mit Siegeln versehenen Dokumente wurden nach der Inflation 1923 erstellt. Auch alle Grundwerte und Hypotheken des Kartoffel-Bauernhofes Loose mussten nach dem Ende der Goldmark in die neue Rentenmark umgerechnet werden. (Foto: Claudia Eckhoff)

Zu seinen Kunden gehört seit einiger Zeit Günter Opalka, ein Letmather, der sich mit zahlreichen regionalgeschichtlichen Schriften einen Namen gemacht hat. Immer wieder finden ganze Akten- und Dokumentensätze den Weg auf Günter Opalkas Schreibtisch in der Stübbeken-Siedlung. Mit viel Geduld, sicherem Auge für alte Handschriften und einigem historischen Gespür hat er schon manchen kleinen Schatz gehoben und im Selbstverlag einem breiteren Publikum lesbar gemacht.

Über 200 Jahre Hofgeschichte

Friedrich Loose war erst ein wenig misstrauisch gegenüber dem Autor. Ein Besuch in Kesbern endete dann aber für Günter Opalka damit, dass er das erste Viertel der Dokumente und Akten vom Dachboden des Kartoffelbauernhofes der Looses gleich mitnehmen durfte, um sie sich in Ruhe anzuschauen. Mittlerweile hat er rund die Hälfte bearbeitet. Irgendwann im Frühling wird seine neue Schrift fertig sein, die 214 Jahre Hofgeschichte beleuchtet. Sie beginnt mit jenem gewilderten Schaf 1797 und endet mit Eintragungen aus der Nazi-Zeit.

Dazwischen breitet sich eine Flut von Dokumenten aus, die Zeugnis der Vergangenheit ablegen mit Lehens- und Darlehensverträgen. Sie erzählen vom Wegerecht, von Rechtsstreitigkeiten und Nachbarschaftszank rund um den Auf- und Abtrieb des Viehs. Hofakten sind es, Testamente, Grundstücksangelegenheiten, Notizen und vieles mehr. Behutsam lesbar gemacht und mit wenigen Worten kommentiert oder erläutert, werden sie bald interessanten regionalgeschichtlichen Lesestoff ergeben.