Thermografen brauchen dicke Nerven

Iserlohn. (clau) „Schlechtes Rot und gutes Blau? Thermografie-Aktion hilft, Wärme zuhause zu halten“ – unter dieser Überschrift berichtete der wochenkurier im Januar über ein besonderes Kombi-Angebot der Verbraucherzentrale Iserlohn. Wer sich hierfür anmeldet, bekommt mitten in möglichst kalter Winternacht Besuch von zwei eingemummelten Gestalten, die oft genug die Polizei auf den Plan rufen.

Um solch ein Thermografiebild (hier die Rückseite der Alten Post am Theodor-Heuss-Ring) richtig zu lesen, braucht man Sachverstand. Da kommt bei der Aktion die Energieberatung der Verbraucherzentrale Iserlohn ins Spiel. (Foto: Claudia Eckhoff)

Unter „Polizeischutz“

Ihr ungewöhnlicher Beruf als ‚Baucoach‘ im Auftrag der Firma Bauking verlangt dem Nienburger Thermografen Stefan Pauls (41) und seinem Iserlohner Partner Mark Wortmann (27) so einiges ab. Dicke Nerven und immer die Ruhe sind neben Ski-Ausrüstung gegen die nächtliche Kälte nie verkehrt. Allzu oft haben ihre Kunden versäumt, ihre Nachbarn vorab über den Besuch der Thermografen zu informieren. Diese alarmieren dann besorgt die Ordnungshüter, weil sich im Garten nebenan zu nachtschlafender Zeit Verdächtiges tut. „Je ländlicher die Gegend, um so interessierter die Polizisten“, bringt Mark Wortmann seine Erfahrung auf den Punkt. „Nicht selten schließen sich die Beamten uns an, und lassen sich gern unsere Arbeit erklären.“

Nachts bei klirrender Kälte

Die Thermografen Wortmann und Pauls arbeiten in diesem Jahr zum zweiten Mal mit der Verbraucherzentrale Iserlohn zusammen. Sie brauchen kalte Nächte mit möglichst großem Temperaturunterschied zu den Tagstunden, um aussagekräftige Thermografiebilder von Gebäuden machen zu können. Anhand ihrer Bilder wird später durch eine kompetente Auswertung ein sinnvoller Sanierungsplan für die Hausbesitzer erstellt.

Pauls und Wortmann schwärmen nachts aus, bei Eis und Schnee, bei klirrender Kälte. Frost ist ihnen lieb, Schmuddelwetter können sie nicht brauchen.

Bis zu 600 Kilometer auf einer Tour

„In einer guten Nacht schaffen wir etwa 12 Objekte“, sagt der Diplom-Bauingenieur Stefan Pauls, der sich „zertifizierter Thermograf Stufe 2“ nennen kann, und damit zu den fachkundigsten seiner Art gehört. „Wir stellen die Kundenadressen dabei zu sinnvollen Touren zusammen. Unsere kürzeste betrug einmal 40 Kilometer. Es können aber auch schon mal 600 Kilometer in einer Nacht abzufahren sein.“

Vorab werden die Hausbesitzer über ihr Kommen informiert und erhalten einen Fragebogen. „Manche geben an, dass wir sie wecken sollen“, sagt Stefan Pauls. „Aber letztendlich sind es auf jeder Tour höchstens zwei Hausbesitzer, die wirklich nicht zu uns herauskommen. Die meisten sind dann doch neugierig und wollen alles mögliche wissen.“

Drei Spezialisten im Einsatz: (v.l.) Der Energieberater der Verbraucherzentrale Iserlohn, Martin Wulf, mit den Thermografen Stefan Pauls und Mark Wortmann. (Foto: Claudia Eckhoff)

Thermografen vor Ort

Wenn die Thermografen vorfahren, geben sie sich absichtlich nicht leise: Der Wagenmotor läuft, Türen schlagen, Gartentore quietschen, Kopflampen leuchten auf und ihre Strahlen zucken durch den dunklen Garten. Ungehemmt führen die beiden Spezialisten ihr nächtliches Arbeitsgespräch.

Mark Wortmann erklärt: „Wir messen zunächst die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit. Dann erkunden wir die Umgebung und halten fest, was alles auf das Gebäude einwirkt und das spätere Thermografiebild beeinflusst wie Bäume, Hänge, die Sonneneinstrahlung oder auch nur der Schatten von Nachbars Schornstein.“

Danach wird ein Bild des Gebäudes mit einem Nachtsichtgerät gemacht, um spätere Verwechslungen auszuschließen. Zuletzt folgen die Aufnahmen mit der eigentlichen Thermografiekamera.

„Dieses Gerät ist extrem empfindlich“, erklärt Stefan Pauls. „Es zeigt sogar das Wärmebild eines Menschen, das sich in einer Fensterscheibe nur spiegelt!“

…nur noch schlafen…

Nacht für Nacht sind Pauls und Wortmann bei idealer Witterung gemeinsam unterwegs. Ihre Einsätze dauern oft 14 bis 18 Stunden. Gegen 18 Uhr startet die Tour im Nienburger Büro an der Weser. Wenn sie gegen 6 Uhr morgens endet, geht es noch lange nicht ins Bett. Bilder runterladen, Bilder benennen und archivieren, Chipkarten leer machen, Kamerabatterien wieder aufladen, die Tour für die nächste Nacht planen – all das gilt es zu erledigen vor dem wohlverdienten Matratzenhorchdienst.

„Ich muss oft genug mit drei Stunden Schlaf auskommen“, sagt Stefan Pauls. „Ich habe schließlich auch noch Familie.“

Hunde, Teiche, Akrobatik und Rindviecher

Was den beiden bei ihren Einsätzen zu schaffen macht? „Kläffende Nachbarshunde“, fallen Mark Wortmann sofort ein. „Zugefrorene Teiche, die der Hausherr in seiner von uns angeforderten Geländebeschreibung vergessen hat zu erwähnen“, ergänzt Stefan Pauls. „Kunden, die uns akrobatische Klettereien abverlangen wollen“, sind sich die beiden einig.

Spaß haben sie gelegentlich in finsteren Nächten nicht zu knapp. Neulich beispielsweise, als sie sich freuten, dass bei der nächsten Tour gleich vier Gebäude auf einem einzigen Grundstück auf sie warteten. „Als wir ankamen, entpuppte sich das Ganze als Rinderzuchtbetrieb“, lacht Stefan Pauls. „Da haben wir gleich zu späteren Werbezwecken für uns ein paar höchst interessante Thermografien von den Kühen gemacht.“

Näheres zur aktuellen Kombiaktion der Verbraucherzentrale mit dem Thermografen unter Telefon 0 23 71 / 83 60 20.