Vier Meter Trost

Der Zauber der Verwandlung wirkt nicht nur in Hemer: Gewaltige Sonnenblumen - aus Kernchen der Landesgartenschau gezogen - wachsen nun auf dem Grab von Moritz Muth. Sie trösten die trauernde Mutter und begeistern viele andere Friedhofbesucher. (Foto: wochenkurier)

Hemer. (anna/clau) Es ist wohl das Schlimmste, wenn das eigene Leben länger währt als das des Kindes. Mit so einem schrecklichen Verlust muss Monika Muth weiterleben, denn ihr Sohn Moritz beging am 1. Januar 2009 im Alter von nur 22 Jahren Selbstmord.

Dass sie den Suizid nicht verhindern konnte, quält die 47-Jährige bis heute. Nur für Tochter Annika (21) konnte sie ein Weiterleben überhaupt ertragen. Fast täglich fährt die trauernde Mutter zum Grab ihres Sohnes und hält Zwiesprache mit ihm. „Ich erzähle ihm alles, was ich erlebe und sage ihm immer wieder, wie sehr er uns fehlt.“

Ein Geschenk

Am Pfingstsonntag machte Monika Muth einen Ausflug zur Landesgartenschau in Hemer. Am Eingang bekam sie wie alle Besucher ein kleines Tütchen Sonnenblumenkerne geschenkt. Diese Tütchen mit Sonnenblumenkernen gehen als Botschafter der Landesgartenschau mit den Gästen in alle Himmelsrichtungen und breiten so den „Zauber der Verwandlung“ in der ganzen Region aus.

Monika Muth steckte die Kernchen gedankenverloren ein. Sie wusste nicht, was sie später damit machen sollte.

Doch irgendwann durchblitzte sie ein ungewöhnlicher Gedanke: Sie wollte die Kerne auf Moritz‘ Grab aussäen! Gedacht, getan: „Noch am selben Tag fuhr ich am Nachmittag zum Friedhof, buddelte ein Loch, legte die Sonnenblumenkerne hinein und goss sie gut an. Ich erzählte Moritz dabei, was für einen schönen Tag ich auf der Landesgartenschau erlebt hatte und dass ich ihn so gern dabei gehabt hätte.“

Komisch war ihr schon zumute, als sie die Kerne im Grab verbuddelte, denn sie hatte noch nie Sonnenblumen auf einem Friedhof gesehen. „Ich wusste auch nicht, ob das überhaupt erlaubt ist, aber ich habe es einfach riskiert.“

Falsch gepflanzt?

„Freunde, denen ich von meiner Aktion erzählte, waren überzeugt, dass aus den Kernen bestimmt nichts rauskäme, weil ich sie falsch eingepflanzt hätte“, berichtet die Mutter, „Ich hätte nicht alle in ein Erdloch, sondern jeden Kern in ein eigenes legen müssen, gab man mir als Ratschlag.“

Dennoch ging sie täglich zum Grab und goss die Saat weiterhin fleißig. „Und schon bald sprossen die ersten kleinen Pflänzchen. Ihr Gedeihen machte mich total glücklich,“ erzählt Monika Muth.

Sie begann, die Sonnenpflanzen zu fotografieren, um ihr enormes Wachstum zu dokumentieren. Dank der guten Pflege und der täglichen Gespräche mit dem Sohn explodierten die Pflänzchen in ihrem Wachstum geradezu und überschritten bald die vier-Meter-Marke! Auf einmal war damit das Grab von Moritz das auffälligste auf dem ganzen Friedhof in Hagen-Haspe und Mutter Muth machte sich große Sorgen, ob diese üppige Blumenpracht auf einem Gottesacker nicht auf Missfallen bei den anderen Besuchern und der Friedhofsverwaltung stoßen könnte.

Alle begeistert

Doch ihre Bedenken zerstreuten sich schnell. Viele Besucher blieben bewundernd vor Moritz’ Grab stehen und zeigten sich begeistert von den riesigen Blumen.

„Zum Geburtstag meiner Tochter Annika habe ich ein paar Sonnenblumen abgeschnitten und sie ihr im Namen von Moritz geschenkt“, erzählt Monika Muth, „das hat sie sehr gefreut, denn auch sie ist über den Tod ihres Bruders längst noch nicht hinweg.“ Die Frau ist überzeugt, dass diese Blumen nirgendwo anders so gut gediehen wären, wie auf Moritz‘ Grab…