Von Straßenrowdy zum Abiturient mit Ambitionen

Iserlohn. (saz) Es war mucksmäuschenstill in der Kirche der Justizvollzugsanstalt in Drüpplingsen. Ungefähr 30 junge Herren lauschten gebannt den Worten von Yigit Muk, der aus seinem bewegten Leben erzählte. Der heute 28-Jährige, geboren und aufgewachsen in Berlin-Neukölln, war mit seiner Autobiografie „Mucksmäuschenschlau“ auf Vorlesetour in Nordrhein-Westfalen unterwegs. In dem Buch berichtet er über sein bewegtes Leben am Rande der Illegalität mit seiner Gang „R44“ bis hin zum 0,9er-Abitur.

Vollzug wäre verdient gewesen

Zur Auftaktveranstaltung der Tour in der Iserlohner JVA war auch Justizminister Thomas Kutschaty erschienen. „Ich weiß nicht, wie Yigit Muk es geschafft hat, in seiner Jugend am Strafvollzug vorbeizukommen“, erklärte der Minister zu Beginn der Veranstaltung. „Verdient hätte er es wohl. Aber irgendwann hat es ‚Klick‘ gemacht.“ Doch bis zu diesem „Klick“-Moment war es ein langer Weg.
Muks Eltern kamen in den 70ern als Gastarbeiter nach Berlin. „Allerdings war mein Vater sehr streng und hat meiner Mutter das Recht auf Arbeit verweigert“, erinnert sich der 28-Jährige. Diese Strenge haben auch die Kinder erfahren: „Wir durften den Hof nicht verlassen.“ Da für den kleinen Yigit kein Platz in Kindergarten und Vorschule war, lernte er die weite Welt erst zu seiner Einschulung mit sechs Jahren kennen. „Ich durfte erstmals alleine raus, war voller Vorfreude und hatte zunächst auch Spaß an der Schule“, erzählte Muk. „Doch der hörte sehr schnell auf.“ Die Schule lag ihm nicht und die Erfolgserlebnisse blieben aus. Diese hatte er dafür auf der Straße. „Mit sechs Jahren hatten wir eine Gruppierung. Wir nannten uns Gang.“

Kriminelle als Vorbilder

Denn so nannten sich auch die Älteren. „Das waren unsere Vorbilder. Sie hatten die schönen Frauen und schnellen Autos. Aber es waren Kriminelle.“ Trotzdem ahmten die mittlerweile Jugendlichen die Drogendealer und Schutzgeld-Erpresser nach. Auch in ihrem Verhalten Autoritäten gegenüber: „Die Polizei hat sich immer mehr zu unserem Feind entwickelt, ohne dass jemals einer von uns mit der Polizei zu tun gehabt hätte.“
Dieses Feindbild traf auch auf die Lehrer zu, die der junge Muk immer als Gegner empfand. „Wir haben Lehrer nicht als Menschen respektiert, der schulische Inhalt war uns egal.“ Stattdessen wurde sich täglich geprügelt. „Häufig ganz willkürlich“, ergänzte Muk.
„Uns war egal, ob es rechtliche Konsequenzen geben würde. Uns interessierte nicht, was Morgen ist, nur das Leben im Moment.“ Und die Gewalt gehörte dazu: „Ich habe mich damals bewusst für die Gewalt entschieden. Irgendwann schnellte die Faust automatisch nach vorne. Das war ein Teil von mir.“

Aus dem Moment ins Leben

Doch dann starb der Bruder eines Kumpels an Leukämie. Die ganze Gang kam zusammen, um gemeinsam am Totenbett zu trauern. Hier erreichten sie endlich die Worte, die sie schon so oft zuvor gehört hatten. „Der Imam erzählte uns, wie vergänglich das Leben ist und sagte, wir müssten Menschen so behandeln, dass sie und in guter Erinnerung behalten.“ Die Worte trafen die sonst so harten Jungs. Sie beschlossen, das Kriminelle erst einmal eine Zeit sein zu lassen. Muk war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt.
Viele Kumpels hielten das nicht lange aus, doch Muk wollte sein Leben ändern. „Die Situation brachte mich näher zu meiner Mutter. Ihr Traum war es immer gewesen, dass eines ihrer Kinder Abitur machte.“ Also beschloss er, ein guter Schüler zu werden um seiner Mutter diesen Traum zu erfüllen.
Doch dann wurde Muk krank. Epstein-Barr-Virus. Das bedeutete für den sehr sportlichen jungen Mann das Ende seiner Hoffnung auf eine Fußball-Karriere und ließ ihn auch schulisch wieder zurückfallen. Auch seine Lehrer belächelten ihn eher für seinen Wunsch, das Abitur zu machen.
Der Wechsel an eine Privatschule bedeutete dann schließlich einen Wandel in seiner Schulkarriere. „Ich war hier der einzige Türke, wurde aber voll akzeptiert. Auch von den Lehrern wurde ich erstmals als Teil der Elite bezeichnet.“ Die Motivation stieg wieder. Er wollte nicht nur Abitur machen, er wollte eine 1 vor dem Komma stehen haben.
Um sich die Schule überhaupt leisten zu können, jobbte Muk des Nachts als Türsteher, kam häufig direkt von der Arbeit zur Schule – noch im Anzug. Lehrer und Schulleitung erkannten seine Motivation und seine Ambitionen. Um ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen, wurde ihm die Hälfte des Schulgeldes erlassen. So konnte er sich voll und ganz auf das Lernen konzentrieren und schaffte schließlich das, was ihm seine alten Lehrer und die Kumpels auf der Straße nie zugetraut hätten: einen Abiturschnitt von 0,9.

Veränderung ist immer möglich

Yigit Muk hatte eine klare Botschaft für die zur Zeit im Vollzug sitzenden jungen Männer: „Jeder von euch hat die Möglichkeit und das Zeug dazu, euer Leben zu ändern. Ihr müsst nur aufstehen, hingehen und machen.“ Dass das nicht von heute auf morgen geht, sei klar: „Auch bei mir verlief die Veränderung Schritt für Schritt. Aber selbst hier drin habt ihr die Möglichkeit, euch zu entwickeln.“