Vorsicht, nachtblind!

Iserlohn. (anna/ME) Neulich am frühen Morgen im Iserlohner Süden nahe dem Forsthaus Löhen. Es nieselt zwar leicht, und die Temperatur liegt bereits im frostigen Bereich, aber die Straßen sind längst nicht glatt. Der Mann im Fahrzeug vor uns hat dennoch einen merkwürdigen Fahrstil. Mal wird der Mittelstreifen überquert, dann urplötzlich auf die Bremse gedrückt, mitunter scheint der Wagen auszubrechen… – Restalkohol? Nein, der unsichere Steuermann in dem schwarzen Golf ist schlichtweg nachtblind.

Wie gefährlich ist es im Herbst frühmorgens oder an Winter-Abenden – auch ohne Schnee und Eis – eigentlich auf der Straße? Fakt ist: Wenn es dämmert oder die Sonne noch nicht aufgegangen ist, ereignen sich mehr Unfälle als bei gleich starkem Verkehr am Tage. Nachts verunglücken übermäßig viele Pkw-Fahrer tödlich, besonders auf Landstraßen. Die Anzahl der Unfälle pro Fahrleistung, die sogenannte Beteiligungsrate, steigt dabei auf das bis zu Vierfache des Durchschnittswertes, insbesondere in den Nächten des Wochenendes und an Feiertagen.

Auch Fußgänger und Zweiradfahrer verunglücken überdurchschnittlich häufig bei Nacht. Fußgänger müssen nachts von einem dreifach höheren Unfallrisiko ausgehen als bei Tage.

Bei den Nachtunfällen stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß diese Unfälle durch schlechte Sicht und verspätetes Gesehen-Werden verursacht werden oder welche Bedeutung andere Faktoren an dem nächtlichen Unfallgeschehen haben. Die Wissenschaftler unterscheiden deshalb zwischen Dunkelheitsunfällen einerseits und Nachtunfällen andererseits.

Nachts verunglücken besonders junge Fahrer, die häufig mit vollbesetzten Fahrzeugen, ablenkender Musik, müde oder in ausgepowerten Zustand, teilweise unter Alkohol- oder Drogeneinfluss und vor allem mit geringer Fahrerfahrung und Risikobereitschaft unterwegs sind. Bei diesen Unfällen bildet die eingeschränkte Sicht durch Dämmerung oder Dunkelheit nur einen von mehreren Unfallfaktoren.

Grenze der Leistungsfähigkeit

Im Herbst, wenn das Laub fällt und es länger dunkel ist, steigen wieder die Unfallzahlen. (Foto: Archiv wochenkurier)

Fahrten in der Dunkelheit stellen höhere Anforderungen an die Sehleistungen der Fahrer, denn nachts wird das Auge in allen seinen Funktionen bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit beansprucht. Selbst wer am Tage eine Sehschärfe von 100 Prozent erreicht, kann bei Dunkelheit schlechter sehen. Dabei nimmt auch die Kontrastsehschärfe ab.

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut in Tübingen haben eine Erklärung dafür gefunden, warum es nachts immer wieder zu Autounfällen aufgrund zu hohen Tempos kommt. Demnach unterschätzt das menschliche Auge in der Dunkelheit Geschwindigkeiten. Die Wissenschaftler erklären das Phänomen mit einer verlangsamten Wahrnehmung des Auges. Bewegungen, die von den so genannten Stäbchen im Auge registriert werden, werden um ein Viertel langsamer an das Gehirn übermittelt.

Je weniger, desto länger

Je weniger Helligkeit es gibt, desto länger sind die Verkehrsteilnehmer in der Dunkelheit unterwegs. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, starben im Jahr 2008 im Straßenverkehr 653 Fußgänger, davon allein 246 (das sind 38 Prozent) in den Monaten November, Dezember und Januar.

Die frühe Dunkelheit, die insgesamt schlechteren Sicht- und Witterungsverhältnisse sowie häufig zu dunkle Kleidung von Fußgängern sind Gründe dafür, dass in den Wintermonaten die Zahl der getöteten Fußgänger ansteigt. Wurden von Februar bis Oktober des Jahres 2008 durchschnittlich 45 Fußgänger im Monat tödlich verletzt, waren es in den drei übrigen Monaten durchschnittlich 82 Fußgänger. Drei von vier der 246 im Januar, November und Dezember getöteten Fußgänger (74 Prozent) kamen bei Unfällen in der Dunkelheit ums Leben.

Nicht gesehen

Neun von zehn Autofahrern geben nach Dunkelheitsunfällen an, den Fußgänger nicht rechtzeitig gesehen zu haben. Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen kam schon vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, dass in der Praxis ein Autofahrer bei Geschwindigkeiten über 60 km/h einen dunkel gekleideten Fußgänger nachts nicht rechtzeitig erkennen kann.

Doch die meisten Fußgänger sind entgegen aller Erkenntnis dunkel gekleidet, selbst wenn sie auf nicht beleuchteten Straßen unterwegs sind. Da Licht reflektiert wird, hängt die Erkennbarkeit von Fußgängern maßgeblich vom Reflektionsgrad ihrer Kleidung ab. Um sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen, sollten Fußgänger helle Bekleidung, Jacken mit integrierten Reflektoren oder Taschenlampen tragen.

Gerade Kinder sind im Winterhalbjahr in Dämmerung oder Dunkelheit im Straßenverkehr unterwegs. Ihr Weg morgens zur Schule findet in diesen Monaten nicht mehr bei Tageslicht statt, sondern im Dunkeln. Damit sind Kinder auf dem Schulweg einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Helle Kleidung im Winter!

Die Polizei bittet: „Wenn Ihr Kind vor dem Abendessen noch zum Spielen nach draußen möchte, ziehen Sie ihm bitte eine helle Jacke an.“ Denn: Besonders in den späten Nachmittagsstunden im Herbst und Winter geschehen laut Statistik die meisten Unfälle mit Kindern. Eltern verringern die Gefahr, indem sie Kleidung, Fahrrad und Rucksack der Kleinen in hellen, leuchtenden Farben anschaffen und diese zusätzlich mit Reflektoren ausstatten. Die Leuchtobjekte sind als Klemmstreifen oder Klettstreifen für Arme und Beine erhältlich.