Wie heilig war die heilige Familie?

Iserlohn. (clau) Die Weihnachtszeit – und vor allem der Heilige Abend – führt Familienmitglieder zusammen und stiftet Gemeinschaft. Die einen streben „nach Hause“, die anderen fiebern der Heimkehr ihrer Angehörigen entgegen. Darin liegt die Chance auf ein großes Glück. Darin liegt aber auch viel Tragik und Leid. Wenn sie Weihnachten in den Gottesdiensten predigt, erlebt Martina Espelöer, die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Iserlohn, wie viele Menschen unter besonderer Spannung stehen.

Superintendentin Martina Espelöer spendet Trost. (Foto: Evangelischer Kirchenkreis Iserlohn)
Superintendentin Martina Espelöer spendet Trost. (Foto: Evangelischer Kirchenkreis Iserlohn)

Sie weiß auch, dass viele es besonders am Heiligen Abend schwer haben, überhaupt den Weg in die Kirche zu finden, weil sie meinen, selbst dem Bild einer heilen Familie nicht mehr zu entsprechen. Sie erleben zu Weihnachten die eigenen familiären Spannungen als beinahe unerträglich.

„Wer im Streit oder in Trennung lebt oder einen Lebenspartner betrauert, fühlt sich vielleicht gar nicht willkommen in der Kirche. Die Nähe all der anderen vermeintlich glücklichen heilen Familien quält dann nur. Dabei bräuchten gerade die, die unter ihrer Situation leiden, Beistand und Trost“, sagt die Superintendentin.

Wie stand es denn um die Heilige Familie, vor der viele Menschen nicht glauben, bestehen zu können? Martina Espelöer bringt das strahlende Bild schnell in Bewegung: „Maria war höchstens 15 Jahre alt, eine Minderjährige also. Verheiratet waren die beiden nicht. Josef als Vater wollte die junge Schwangere zuerst sogar verlassen, sich abwenden. Am Ende waren Maria und Josef mit ihrem Säugling mittellose Flüchtlinge in Ägypten. – Das war doch alles andere als anbetungswürdig nach gesellschaftlichem Maßstab. Das allein kann uns ermutigen.“

Zwei Gottesdienste betreut die Superintendentin am Heiligen Abend: Um 16 Uhr predigt sie im Tersteegenhaus an der Waisenhausstraße. In diesem generationenübergreifenden Gottesdienst spielen Themen wie „Heimat“, „Zugehörigkeit“, aber auch „Verluste“ immer eine besondere Rolle. Um 18 Uhr in der Obersten Stadtkirche geht es besinnlich feierlich zu. „Die Menschen kommen, um etwas zu hören, das trägt“, so erlebt es Martina Espelöer. „Und sie dürfen von uns als ihrer Kirche durchaus etwas erwarten. Sie wollen Antworten auf die Fragen ihres Lebens bekommen. Sie hoffen, dass sie die Kraft gewinnen, aus Enttäuschungen neue Hoffnungen zu schöpfen. Die Verkündigung des Evangeliums tröstet und öffnet neue Wege. Die Botschaft lautet: Frieden! Frieden in der Welt im Großen wie im Kleinen. Oft hat das ganz praktische Folgen: Dann gelingt es plötzlich doch, den ersten Schritt zu wagen und einen lange schwelenden Streit zu überwinden. Dann gelingt es, zu verzeihen oder unerfüllbare Erwartungen endlich abzulegen.“

Trennung, Scheidung, Patchwork, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften – „Familie heute“ ist ein Thema, das die evangelische Kirche von Westfalen während der letzten zwei Jahre intensiv beschäftigt hat. Die Hauptvorlage mit „Impulsen zu Fragen der Familie“ wurde in den Gemeinden, im Kirchenkreis und auf Landeskirchen-Ebene während dieser Zeit lebhaft diskutiert, um zu neuen Lebensformen zu kommen oder ihnen gerecht zu werden. „Wir sind viele Schritte bereits gegangen“, so Martina Espelöer. „Für die Mitarbeiter des Kirchenkreises und für die Menschen in den Gemeinden suchen wir auf allen Ebenen nach familienfreundlichen Verbesserungen.“

Dazu gehört ein neues modernes Verständnis dafür, dass Familie da ist, wo Menschen dauerhaft und generationenübergreifend persönlich füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen. Nun können auch zwei Männer oder zwei Frauen, die in Treue und Verantwortung zusammenleben, ihre Liebe auch in einer öffentlichen Andacht segnen lassen.

Mehr dazu auch unter www.evangelisch-in-westfalen.de.