„Wir haben einen Traum“

Iserlohn. (Carat) Mit den zwei Worten „Barrierefreier Kirchenkreis“ ist eine Kampagne überschrieben, mit der sich die evangelische Kirche in Iselrohn bis zum Reformationsjahr 2017 intensiv beschäftigen möchte. Unter dem Zeichen „Schwellen abbauen – Zugänge ermöglichen“ sollen Zugänge der unterschiedlichsten Art geschaffen werden – für Menschen mit Beeinträchtigungen, für Menschen, „die in unserer Mitte alt geworden sind“, und für Menschen, denen die Kirche fremd geworden ist. „Die zentrale Frage dabei lautet: Wie können wir Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen in unser kirchliches Leben integrieren“, sagte Superintendentin Martina Espelöer. Gemeinsam mit vielen Mitstreitern stellte sie Mitte Juni 2012 die Kampagne vor.

„Wir wollen nicht ohne einander sein. Wir brechen neu auf und wollen dafür sorgen, dass diejenigen, die zu uns kommen, teilhaben können – im Konfirmandenunterricht und in den Gottesdiensten, in der Art und Weise, wie wir es einrichten, dass Türen geöffnet, Treppen überwunden, Worte gehört und Inhalte verstanden werden“, sagte Martina Espelöer. „Wir müssen die vermeintliche Mitte am Rand suchen.“ Die Idee zu diesem Projekt entstand übrigens kurz nach ihrem Amtseintritt 2010 bei einem Besuch in den Iserlohner Werkstätten. „Was dort geschaffen wird von Menschen mit Behinderungen, ist mittlerweile unverzichtbar für die Industrie. Aus einer Schwäche entsteht eine Stärke für alle. Dies hat den Grundstein für ein außergewöhnliches Projekt gegeben in dem mehrere Projektgruppen eingebunden sind. Wir haben einen langen Projektweg hinter uns und sind jetzt soweit, dass wir dies vorstellen können“, freute sich die Superintendentin.

Eine gemeinsame Sprache finden

Als Referentin für die Auftaktveranstaltung konnte die aus München stammende Bioethik-Beauftragte des Bundesverbandes evangelische Behindertenhilfe, Brigitte Huber, gewonnen werden. Die ehemalige Seelsorgerin war bis zu ihrem Ruhestand 2008 am Heilpädagogischen Centrum Augustinum in München für Menschen mit Behinderungen tätig. Im Gespräch betonte die Referentin, dass in der jüngsten Zeit viel für Menschen mit Behinderungen getan werde.

Katja Kern, Geschäftsführerin der QuaBeD (Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft der Diakonie Mark-Ruhr), wies darauf hin, dass das Wort „barrierefrei“ auch eine Befreiung von ganz anderen Hürden bedeuten könne. In ihrem Berufsleben werde sie immer wieder damit konfrontiert, dass die Kirche eine andere Sprachen spreche als zum Beispiel Bezieher von Arbeitslosengeld II.

Stefan Haacke, Geschäftsführer der Netzwerk Diakonie und Vertreter der Projektgruppe „Menschen mit Beeinträchtigungen“ hob besonders den „Inklusiven Konfirmandenunterricht“ sprich den Unterricht der Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen hervor.

Äußere und innere Schwellen

Professor Dietmar Kehlbreier, Mitglied des Kreissynodalvorstands und Vertreter der Projektgruppe „Menschen, die in unserer Mitte alt geworden sind“, hob den Gottesdienst für Menschen mit Demenz in den Vordergrund. „Menschen stoßen an Schwellen – nicht nur an äußere, sondern auch an innere Schwellen“, sagt er.

Michael Nelson, Pfarrer und Religionslehrer am Berufskolleg Iserlohn, außerdem Vertreter der Projektgruppe „Menschen mit Beeinträchtigungen“, findet es schade, dass Jugendliche so wenig mit Kirche am Hut haben und stellt sich die Frage nach dem Warum. „Haben wir nicht zugehört?“ fragt er sich. Michael Nelson hat vor, zu den Leuten zu gehen. Dabei will er sie nicht „vollquatschen“, betont er augenzwinkernd. Auch will er mit seiner Projektgruppe Räume schaffen und diese dann den Jugendlichen für Veranstaltungen zu Verfügung stellen.

Gesangbücher in Großdruck

Jan Weinreich vom Netzwerk Diakonie, Bereichsleitung Intensivbereiche, liegen Menschen, die Begleitung bedürfen, Menschen, die sich zum Beispiel selbst verletzen, sehr am Herzen. Er merkte an, dass in Einrichtungen mit Intensiv-Wohnbereich Gottesdienste schon an der Tagesordnung seien. Bei Jan Weinreich laufen die Fäden der einzelnen Projektgruppen zusammen und werden von ihm koordiniert.

Superintendentin Martina Espelöer freute sich, mitteilen zu können, dass einige Projekte bereist realisiert wurden. Die Rampe an einer Kirche in Hohenlimburg wurde bereits installiert. In einer Gemeinde in Westhofen wurden Gesangbücher in Großdruck angeschafft. Der Aufzug im Varnhagenhaus in Iserlohn wurde bereits eingebaut.

Auch vor etwas unkonventionellen Projekten wird nicht halt gemacht. So wird etwa an der Erlöserkirche in der Nähe des Kinderspielplatzes eine öffentliche Toilette mit Wickelbereich errichtet.

„Wir haben einen Traum“, sagt die Superintendentin. „Eines Tages werden wir alle merken, dass wir zusammengehören.“