Wohnen um 1950 – abenteuerlich!

Iserlohn. (clau) Alice Wolf kann sich noch bestens erinnern, wie das damals war, als sie in den 50er Jahren als 16-Jährige mit ihrer Familie am Mühlentor 14 wohnte. Allein die sanitäre Situation war in der Nachkriegszeit im wahrsten Sinne äußerst notdürftig. Acht Familien wohnten mit 27 Personen – davon allein elf Kinder – unter einem großen Dach und teilten sich Badezuber auf dem Boden, Waschbecken im Flur und die eine Toilette im Treppenhaus.

Das Haus steht noch heute an der Inselstraße. Hier lebten in den 50er Jahren acht Parteien unter einem Dach. Allein in den oberen Etagen teilten sich elf Kinder und 14 Erwachsene ein Waschbecken und eine Toilette. (Foto: Claudia Eckhoff)

„Wenn ich heute meinen Enkeln davon erzähle, können sie sich so etwas schon gar nicht mehr vorstellen. Die staunen nur“, sagt die 78-jährige Iserlohnerin. Kürzlich hat sie beim Aufräumen ein Papier gefunden, das alte Erinnerungen wieder aufleben ließ: „Es ist ein Gedicht, das sich über den täglichen Kampf um Zutritt zu dem heißbegehrten und vielumschwärmten ,stillen Örtchen‘ lustig macht.“ Eine Mitbewohnerin hat es vor vielen Jahren verfasst und Alice Wolfs Eltern zur Silberhochzeit geschenkt. „Wenn ich das heute wieder lese, kann ich nur sagen: Kein Wort ist übertrieben. Genauso war‘s“, sagt die zweifache Mutter und Großmutter, die heute in der Hallstraße wohnt.

Großbürgerhaus am Mühlentor

Die Familie von Alice Wolf war 1950 aus der Hansaallee ans Mühlentor 14 – heute Inselstraße – gezogen. Das alte großbürgerliche Haus steht immer noch. Die Eheleute Sudhoff, die in Iserlohn eine Kohlenhandlung betrieben, waren die Besitzer und bewohnten ursprünglich das gesamte Haus. Auf dem Boden gab es damals eine Reihe von kleinen Zimmerchen für Hausangestellte. In Zeiten der Wohnungsnot nach dem Krieg zogen sich die Sudhoffs in die Erdgeschosswohnung zurück, wo sie auch über eine eigene Toilette und eine Küche mit Wasseranschluss verfügten. Die große übrige Fläche des stattlichen Hauses wurde dann nach und nach zum Teil abenteuerlich und behelfsmäßig bis in die letzten Winkel in Wohnraum umgewandelt und vermietet.

Lautes ,stilles Örtchen‘

„Wir lebten in der ersten Etage“, sagt Alice Wolf. „Wir waren sechs Personen. Im Schlafzimmer meiner Eltern schlief mein kleinster Bruder in einem Klappbett. Meine größeren Brüder teilten sich ein Zimmer auf dem Dachboden. Und ich, die Älteste, schlief in einer Kammer, die direkt an das ,Örtchen‘ auf dem Flur grenzte. Die ganze Nacht über zog dauernd irgendeiner an der Strippe der Wasserspülung. Ich habe oft im Bett gelegen und geweint, weil ich einfach nicht schlafen konnte.“

Alice Wolf ist mit ihren 78 Jahren keineswegs von gestern. Die tatkräftige Seniorin beherrscht locker Computer, E-Mail, Internet und Co. Sie erinnert sich aber auch noch sehr genau an frühere Zeiten und verblüfft damit gern ihre Enkel. (Foto: Claudia Eckhoff)

Die 16-jährige Alice war gerade erst nach viereinhalb Jahren in den orthopädischen Kliniken Volmarstein zu ihrer Familie zurückgekehrt. Sie war kleinwüchsig und blieb es auch. Tuberkulose und ein Sturz auf der Treppe beim Fliegeralarm hatten ihre Wirbelsäule schwerwiegend geschädigt. „Ich habe mich damals erst gar nicht unter die Leute getraut“, sagt sie.

Baden in der Bütt

Aber Leute gab es schon im eigenen Haus mehr als genug und das machte den sanitären Alltag zur täglichen Herausforderung. „Die Erwachsenen gingen meist ins alte Stadtbad zum Baden. Wir Kinder kamen in eine große Bütt, die sonst auf dem Hof stand“, erinnert sich Alice Wolf. „Oder man badete nacheinander in einer Zinkwanne, die auf dem Dachboden stand. Dazu musste das Wasser erst mühsam und zeitaufwendig im Waschkessel oder auf dem Herd erhitzt werden.“

Der Spülschrank

Die Küchen hatten keinen Wasseranschluss. Das heißt: Jedes bisschen Wasser mussten sich alle Mieter von dem einen Waschbecken im Flur holen. Dort mussten Reste auch wiederum ausgekippt werden. „Wir hatten zum Spülen einen Spülschrank“, erzählt Alice Wolf. „Da konnten man oben eine Platte herausziehen, in die zwei Schüsseln eingelassen waren. Das Wasser musste man erst holen, später wieder wegtragen.“

Wir haben oft gefroren

Geheizt wurde mit Kohlenofen. Täglich musste der Brennstoff für die Öfen eimerweise aus den Lagern im Keller heraufgeschleppt werden. „Abends legte man auf die letzte Glut ein in nasses Zeitungspapier gewickeltes Brikett. Davon war morgens dann noch genug Glut übrig, um schnell anheizen zu können“, fachsimpelt Alice Wolf rückblickend. „Trotzdem haben wir oft sehr gefroren und sind dick eingemummelt ins Bett gekrochen.“