„Zugehen auf die Menschen am Rand der Gesellschaft“

Leiten die Geschicke der neuen Diakonie Mark-Ruhr: (von links) Martin Wehn, Volker Holländer, Helmut Bernhardt und Dirk Bernd Bobe. (Foto: Frank Schmidt)

EN-Kreis/Hohenlimburg/Iserlohn. (zico/red.) Bis auf den letzten Platz gefüllt war die im Jahre 1751 erbaute Reformierte Kirche in Hohenlimburg beim Einführungsgottesdienst für den neuen Verwaltungsrat und die Geschäftsführung der Diakonie Mark-Ruhr vor wenigen Tagen. Hintergrund: Das Diakonische Werk Ennepe-Ruhr/ Hagen und das Diakonische Werk im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn hatten zum 1. Januar 2011 eine gemeinsame Gesellschaft unter eben dem Namen Diakonie Mark-Ruhr gegründet.

Mit der Gründung werden nun die ersten Ergebnisse der knapp zweijährigen Gespräche zur Zusammenführung der beiden Diakonischen Werke deutlich. Zunächst werden die Sozialen Dienste aus Hagen, Hattingen, Hemer, Iserlohn, Menden, Schwelm und Witten mit etwa 100 Mitarbeitenden in dem neuen Diakonischen Werk zusammengeführt. Sitz der Geschäftsstelle, in der knapp 80 Mitarbeiter beschäftigt werden, wird im Lauf des Jahres das Wichernhaus in Hagen. Verantwortlich für die Geschicke der Diakonie Mark-Ruhr ist die vierköpfige Geschäftsführung mit den gleichberechtigten Mitgliedern Diakoniepfarrer Martin Wehn, Pfarrer Dirk Bernd Bobe, Helmut Bernhardt und Volker Holländer.

In seiner Predigt fand Superintendent Ingo Neserke, auch Vorsitzender des Verwaltungsrates, in der Bibel die Entsprechung für das künftige Schaffen der Diakonie-Mitarbeiter – und durchaus weltlichen Humor. „Damit es keinen Ärger gibt, will ich die Quellen nennen“, so Neserke in Anspielung auf die aktuellen Diskussionen um die Plagiatsvorwürfe in Zusammenhang mit der Doktorarbeit des Verteidigungsministers Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg. Das Buch Johannes, Kapitel 5, berichtet über die Heilung eines Kranken am Teich Betesda. „Herr, ich habe keinen Menschen“, sagt dort der Kranke zu Jesus. „Das ist die Aufgabe der Diakonie, auf jene zuzugehen, die am Rande der Gesellschaft sind“, stellte Neserke in seinem Gottesdienst fest, in dessen Rahmen Superintendetin Martina Espelöer die Liturgie sprach.

Grußworte an die Gästen richteten beim anschließenden Empfang im benachbarten Gemeindehaus der stellvertretende Landrat des EN-Kreises Jörg Obereiner, der Landrat des Märkischen Kreises Thomas Gemke, Hagens Oberbürgermeister Jörg Dehm, Pastor Günther Barenhoff (Vorstand Diakonisches Werk von Westfalen und Diakonie Rheinland/Westfalen-Lippe), Pfarrer Johannes Schildmann (Diakonisches Werk Gladbeck/Bottrop/Dorsten) sowie Dechant Dieter Osthus (Ökumene sowie römisch-katholische Kirche). Jörg Obereiner, früher selbst Mitarbeiter des Diakonischen Werkes, hob dabei die Wichtigkeit des Dienstes am Menschen hervor. Thomas Gemke betonte, dass die Vielfalt der Träger im Bereich der Wohlfahrt ermögliche, für alle Menschen die richtigen Angebote vorzuhalten. Diakoniepfarrer Martin Wehn freute sich unterdessen über das gelungene Zusammenwirken von ehrenamtlichen Mitarbeitern der Hohenlimburger Gemeinde mit den „Profis“ vom Diakonie-Tochterunternehmen „Dia Service“ bei der Bewirtung der zahlreichen Gäste.

Ein Gespräch mit dem Diakoniepfarrer Martin Wehn erklärt Hintergründe und Zusammenhänge des Zusammenschlusses:

wochenkurier: Was war der Grund für diese Zusammenführung der beiden Diakonischen Werke?

Wehn: Seit Jahren haben wir gut nachbarschaftliche Kontakte, nicht nur auf kollegialer, sondern auch auf struktureller Ebene. In vielen Bereichen können wir uns gegenseitig unter die Arme greifen. Wir wollen nun die guten Angebote aus den bisherigen Werken miteinander kombinieren, so dass die Menschen in allen vier Kirchenkreisen davon profitieren.

Verwaltungsrat und Geschäftsführung der neuen Diakonie Mark-Ruhr stellten sich nach dem feierlichen Einführungsgottesdienst zum Gruppenbild vor die alterwürdige Reformierte Kirche in Hohenlimburg. (Foto: Frank Schmidt)

Welche Vorteile sehen Sie ganz konkret?

Ein wichtiges Ziel ist es, dem schon jetzt spürbaren Fachkräftemangel zu begegnen. Wir können bewährte Mitarbeitende eher halten, wenn wir in einer größeren Einheit mehr Entwicklungschancen bieten. Zudem können wir es älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so ermöglichen, auf Stellen zu wechseln, die ihrer gesundheitlichen Leistungsfähigkeit entsprechen. Außerdem sollen erfolgreiche Geschäftsideen auf die gesamte Region übertragen werden. In Iserlohn gibt es zum Beispiel das Projekt „Jugendhilfe an Schulen“, das verhaltensauffällige Kinder im schulischen Alltag begleitet. Dieses Konzept haben wir jetzt auch der Stadt Hagen vorgestellt, wo es vermutlich noch in diesem Jahr realisiert werden soll.

Was verändert sich für die Menschen, die diakonische Angebote nachfragen?

Eigentlich sehr wenig – sieht man mal von dem einen oder anderen Briefbogen ab. Diakonie heißt immer schon Dienst am Menschen in seinem sozialen Umfeld – und das bleibt auch nach dem Zusammenschluss so. Wir werden aber unsere Position im Wettbewerb sozialer Dienstleistungen stärken und hoffen so – unsere Angebot auch in Zukunft aufrechterhalten zu können, insbesondere im ländlichen Raum. Das gilt auch für den Bereich der Sozialen Dienste mit den zahlreichen Beratungsstellen, die wir nur durch Kirchensteuerzuweisungen der vier Kirchenkreise aufrechterhalten können. Nicht zuletzt sind wir daran interessiert, die Verbindungen zwischen professioneller Diakonie und sozialdiakonischem Ehrenamt vor Ort zu stärken.

Sehen Sie auch Nachteile in dem Zusammenschluss?

Nachteile nicht, aber Herausforderungen. Die bestehen vor allem in der Größe der Fläche, auf der die Diakonie Mark-Ruhr tätig sein wird. Deshalb werden wir auch unterhalb der Geschäftsführerebene Ansprechpartner zur Verfügung stellen, die vor Ort den Kontakt zur Geschäftsleitung sicher stellen. Diese Mitarbeiter holen wir demnächst an einen Tisch, um sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten.