25 Jahre für die SHG

Seit 25 Jahren engagiert sich Thomas Fischer für das „Betreute Wohnen“ in Schwerte. Dieses Haus an der Eintrachtstraße war das erste Projekt dieser Art im Kreis Unna. Seitdem hat sich viel getan. (Foto: Norbert Fendler)

Schwerte. (NO) Das soll es sein? Ein wenig verstört steht Thomas Fischer vor dem Häuschen an der Eintrachtstraße. So sieht der neue Arbeitsplatz aus? – 25 Jahre sind vergangen, nachdem der heute 55-Jährige etwas skeptisch seine Tätigkeit im Bereich „Betreutes Wohnen“ im Aufgabenspektrum der SHG antrat. SHG – das ist die Selbsthilfegemeinschaft psychisch Kranker, der Angehörigen und der freiwilligen Helfer, die unter anderem die Anlaufstelle „wigge“ betreibt. Die Selbsthilfegemeinschaft ist Mitglied im Diakonischen Werk Westfalen.

Thomas Fischer, verheiratet, zwei Kinder und in Bonn geboren, gehört zu dem achtköpfigen Team, das sich im Auftrag der SHG um psychisch instabile Menschen in Schwerte und Holzwickede kümmert, die im Großen und Ganzen zwar „wohnfähig“ sind, aber Betreuung brauchen.

Die Wurzeln

„Das ’Betreute Wohnen’ ging aus einer Angehörigengruppe der Tagesklinik hervor, Eltern vor allem, die für ihre Kinder ein Zuhause suchten, in dem sie selbstbestimmt, aber unter Aufsicht leben konnten. Damals lief gerade das Enthospitalisierungs-Programm der Bundesregierung an, wonach psychisch angeschlagene Menschen soweit möglich aus den Kliniken herausgeholt werden und in die Gesellschaft eingegliedert werden sollten. Und dazu gehört natürlich auch die eigene Wohnung“, erinnert sich Thomas Fischer an alte Zeiten.

Erster im Kreis

1983, im gleichen Jahr, als die SHG in Schwerte gegründet wurde, mietete die Angehörigengruppe das Haus an der Eintrachtstraße an. „Das ’Betreute Wohnen’ war das erste Angebot dieser Art im Kreis Unna“, merkt Thomas Fischer an. Jedoch war die Arbeit, so engagiert sie von den Eltern auch betrieben wurde, nicht gerade professionell. Ein Fachmann musste her – und der fand sich in der Person des Psychologen und früheren Sozialarbeiters Thomas Fischer, der denn auch in Schwerte vorsprach und blieb. Trotz des ersten, nicht gerade vertrauenerweckenden Eindrucks, den er zunächst vom Wohnprojekt an der Eintrachtstraße gewann… Fortan leistete der „Mann der ersten Stunde“ Pionierarbeit in Sachen „Betreutes Wohnen“ vor Ort.

Flexibel sein

Die Arbeit der Selbsthilfegemeinschaft wurde von der Stadt Schwerte und dem Kreis Unna nach Kräften unterstützt, wobei sich besonders der jetzige Landrat Michael Makiolla hervortat. Heute werden im Bereich „Betreutes Wohnen“ in der SHG rund 50 Personen unterstützt. „Eine komplexe Arbeit, bei der nichts nach festem Schema läuft. Flexibilität ist gefragt“, erklärt der Psychologe, dessen Büro sich an der Brückstraße befindet. Dort sitzt er freilich nicht von morgens bis abends. Denn die Wohnungen seiner Klientel sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. Die Unterstützungsbedürftigen indes sind zunächst einmal ganz normale Mieter, keine Patienten – eine nicht unproblematische Ausgangssituation.

Viel Arbeit im „Netz“

Das Aufgabenspektrum von Thomas Fischer und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – „aufsuchende psychoziale Betreuung“ im Fachjargon – erstreckt sich von der Beratung in allen Lebenslagen und Hilfen beim Amt oder beim Arztbesuch über Unterstützung und Training zur Bewältigung lebenspraktischer Anforderungen. So müssen beispielsweise Möbel besorgt, Reparaturen vorgenommen oder Medikament dosiert werden. Nötig ist auch der Einsatz bei Krisen. Beispielsweise, wenn es Stress mit Nachbarn oder Freunden gibt. Und auch der Alltag will gestaltet sein, denn arbeitsfähig sind Fischers Betreute in der Regel nicht. So müssen auch Freizeitaktivitäten geplant werden – wie eine Tour mit dem Bully nach Holland beispielsweise. „Das ganze funktioniert natürlich nur im Netzwerk von Behörden, Nachbarn und Familie“, merkt Thomas Fischer an und freut sich über die in Schwerte besonders erfolgreiche Zusammenarbeit.

„Inklusion“

Was hat sich geändert in den 25 Jahren, in denen der Psychologe für das „Betreute Wohnen“ zuständig ist? „Viel. Die Entwicklung kommunaler Hilfen ist meilenweit nach vorne gekommen, psychisch instabile Menschen werden nicht mehr abgeschoben, es ist eine Bewußtseinsänderung im Hinblick auf Eingliederung eingetreten. Und die Hilfeleistungen sind viel professioneller als früher“. Zu begrüßen sei auch der Ansatz, über die Integration von psychisch Behandlungsbedürftigen hinaus die „Inklusion“, den An- und Einschluss in die Gesellschaft, anzustreben. „Gefordert ist die möglichst normale Teilnahme unser Klientel am Leben, ohne für sie spezielle Nischen zu schaffen!“

„Taximeter-Mentalität“

Bedauerlich findet der 55-Jährige indes, dass die Trägerschaft der SHG auf den Landschaftsverband Westfalen-Lippe übergegangen ist. Zwar möchte Thomas Fischer dem Verband sein Engagement nicht absprechen, doch strukturell sei das Netz nun weitmaschiger gespannt, die geforderten leistungsbezogenen Abrechnungen würden eine regelrechte „Taximeter-Mentalität“ und damit mehr Bürokratie nach sich ziehen. „Wenn ich mit einem Betreuten in seiner Wohnung auf dem Sofa zusammensitze und wir Probleme bequatschen und nachher vielleicht noch auf einen Kaffee rausgehen, wie soll ich das denn auf den Cent genau abrechnen?“, fragt der Psychologe.

Der Bereich „Betreutes Wohnen“ in der Selbsthilfegemeinschaft Schwerte ist unter Tel. 0 23 04 / 23 80 08 zu erreichen.