Das feine Gespür sehender Hände

Do.-Lichtendorf. (NO) Benedikt Lübke fühlt, was andere sehen. Zielsicher gleiten seine Hände über den verspannten Nacken, die Rückenmuskultur. Mit sanftem Druck beginnt er die Massage  Fast zweieinhalb Jahre ist es her, dass der Wochenkurier Benedikt Lübke in der Physiotherapiepraxis Meinolf Wiese in Lichtendorf besuchte. Dort absolvierte der damals 23-Jährige gerade ein Berufspraktikum als Masseur – für den an der Folge einer Tumorerkrankung im frühen Kindesalter nahezu erblindeten jungen Mann eine Herausforderung und eine interessante Erfahrung gleichermaßen für das Physioteam.

Viele Patienten wissen Benedikt Lübkes kundige, „sehenden“ Hände zu schätzen. (Foto: Norbert Fendler)
Viele Patienten wissen Benedikt Lübkes kundige, „sehenden“ Hände zu schätzen. (Foto: Norbert Fendler)

Das Streben um einen Platz im (Arbeits-)Leben war erfolgreich: Benedikt Lübke, von Freunden und Kollegen kurz Ben genannt und hier in Aktion zu sehen, kann sich heute über eine Festanstellung freuen.

Viele Patienten wissen Benedikt Lübkes kundige, „sehenden“ Hände zu schätzen, denen eine ganz besondere Feinfühligkeit bescheinigt wird. So ist es Ben gelungen, mittlerweile einen eigenen Kundenstamm aufzubauen. „Natürlich wünschen wir ihm, dass sich noch mehr Patienten von seinen Qualitäten überzeugen lassen“, so Physiotherapeut Meinolf Wiese.

Ein langer Weg

Lang und oft mühsam war Benedikt Lübkes Weg ins Berufsleben. Nach dem Besuch von Schulen für Sehbehinderte und einem Berufsgrundschuljahr begann der junge Mann aus Aplerbeck seine Ausbildung zum Masseur und medizinischem Bademeister in Mainz, die er mit dem Staatsexamen abschloss. Fehlte noch das halbjährige Anerkennungspraktikum, doch das zu bekommen, erwies sich als schwierig. Sechs Kliniken wurden ihm als Arbeitgeber empfohlen, doch keine hatte eine Stelle frei.

Glücksfall

Ein glückliches Geschick führte den jungen Mann schließlich zum Physioteam Wiese, wo er Jahre zuvor ein Schülerpraktikum absolvierte. Nach einer Menge Papierkram, Telefonaten und Anträgen konnte Benedikt Lübke dort endlich im August 2013 sein Berufspraktikum antreten. Ein Vollzeitausbildung zum Lymphdrainage-Therapeuten an eben jener Schule, wo er bereits seine Ausbildung zum Masseur machen konnte, schloss sich an. Mit dieser weiteren Qualifikation öffnete sich schließlich die Tür zur Arbeitswelt in der Lichtendorfer Physiotherapiepraxis. Ben wurde fest eingestellt.

Ben geht seinen Weg

Und heute? „Ben ist ein kompetentes und beliebtes Mitglied in unserem Team“, freut sich Meinolf Wiese. „Seine Fingerfertigkeit und Sensibilität hat sich im Laufe seiner Berufstätigkeit noch deutlich gesteigert!“ Ganz zu schweigen von seiner mittlerweile perfekten Orientierungsfähigkeit in den zahlreichen, etwas verschachtelten Praxisräumen. Ben hat den Lageplan im Kopf, weiß, wo was steht und bewegt sich so zielstrebig, dass man nicht glauben mag, dass er nahezu komplett blind ist.

Durch die Agentur für Arbeit konnte dem 25-Jährigen ein PC mit Blindenschrifteingabe, Spracherkennung und Audiofunktion zur Verfügung gestellt werden. Und Ben kann auch Hausbesuche machen – ein Fahrer wurde eingestellt, der vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe refinanziert wird. Ansonsten ist der junge Mann problemlos mit dem ÖPNV unterwegs – das hat er schon früh gelernt. Und falls es doch einmal schwierig wird – zum Beispiel, wie kürzlich geschehen, als vor der Praxis die Straße aufgerissen wurde – sind auch die Anwohner immer zur Hilfestellung bereit.

Benedikt Lübke hat beim Physioteam Wiese seinen Platz im Leben gefunden – und freut sich über alle Patienten, die sich vertrauensvoll in seine Hände begeben. Einfach nach Ben fragen.