„Ein Single kommt mit Hartz IV nicht über die Runden!“

 

Schwerte. (NO) „Hartz IV: Viel zu viel für Speis’ und Trank?“ titelte der wochenkurier in der vergangenen Ausgabe. In dem Artikel äußerte Ralf S., angestellt in einem kleinen Metallbetrieb, seine Kritik an der geplanten Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze.

Der Mann, verheiratet, zwei Kinder, kommt, so hieß es, finanziell halbwegs über die Runden – aber auch nur, weil die Ehefrau einen Mini-Job hat. Umso unverständlicher für den „Malocher“ das Missverhältnis zwischen seiner Einkommenssituation und der Lage eines ebenfalls verheirateten und mit zwei Kindern gesegneten Hartz-IV-Beziehers.

Missverhältnis

Der Arbeiter verdient 2400 Euro brutto, das entspricht etwa 1600 Euro netto. Bezöge die Familie Hartz IV, stünden ihr mit allen Vergünstigungen wie Miete, GEZ, Heizkosten usw. fast 1900 Euro netto zur Verfügung. Und: Eine vierköpfigen Familie mit Hartz IV sollen ab dem neuen Jahr nach Berechnungen des Familienministeriums rund 450 Euro allein für „Speis’ und Trank“ zur Verfügung stehen. „Eine derartige Summe benötigen wir im Monat nicht!“, hielt der arbeitende Familienvater entgegen.

Auf den (durchaus polemischen) Artikel meldete sich jetzt unter anderem ein Bezieher von Hartz IV zu Wort. „Ralf S. spricht für eine vierköpfige Familie. Ich kann nicht beurteilen, wie eine Familie mit ALG 2 über die Runden kommen kann, ein Single wie ich kann es nicht!“

Der Weg in Hartz IV

Herr M. – so sei er hier genannt – möchte anonym bleiben, denn: „Ich schäme mich zutiefst für meinen Arbeitslosenzustand.“ Gleichwohl ist es dem Schwerter ein Anliegen, seine finanzielle Situation offen zu legen. Die Vorgeschichte kurz und knapp: Der 55-Jährige studierte seinerzeit einen technischen Beruf und hatte eine leitende Tätigkeit im Kfz-Bereich inne. Nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit – eine Arbeitswoche von 70 Stunden war für die ehemalige Spitzenkraft eher die Regel denn die Ausnahme – kam plötzlich die Kündigung aus „betriebswirtschaftlichen Gründen“. Nach rechtlichem Hin und Her gab sich Herr M. mit einer Abfindung zufrieden. Mittlerweile bezog er ALG I. Bewerbungen für seinen ehemaligen Tätigkeitsbereich fruchteten nicht – viel zu hoch qualifiziert. „Und dazu kam natürlich mein Alter. „Mit Mitte 50 findet man so schnell keine neue Arbeit mehr.“ Zumal Herr M. gesundheitlich eingeschränkt ist.

Willkommen in Hartz IV

ALG I lief aus, Herr M. rutschte in ALG II, allgemein Hartz IV genannt. Er brauchte seine Ersparnisse und die Abfindung auf, bewarb sich mittlerweile „auf alles“, machte eine Umschulung, versuchte sich in der Selbständigkeit – und blieb letztendlich doch erfolglos. Von seiner Ehefrau ist Herr M. geschieden, seine Kinder sind von ihm abgerückt, Freunde rar geworden. Jetzt wohnt Herr M. in einer kleinen und großenteils selbst renovierten Wohnung. Nett sieht sie aus, doch „was man hier an Brauchbarem sieht, werde ich wohl nach und nach verkaufen müssen, sonst komme ich nicht über die Runden. Als nächstes ist die Kaffeemaschine dran. Übrigens: Ich rauche nicht, ich trinke nicht!“

Nachgerechnet

„Dass ein Vierpersonenhaushalt von Hartz VI leben kann, wie in Ihrem Artikel geschildert, mag stimmen, doch für einen Singlehaushalt gilt das absolut nicht“, stellt Herr M. klar. Und präsentiert folgende Rechnung. „Mein Einkommen beläuft sich auf rund 783 Euro: ALG II-Miete plus Heizkosten – 377 Euro, ALG II – 359 Euro, GEZ-Gebühren rund 17 Euro, Sozialticket – 30 Euro.

Aufgeschlüsselt

An Strom für Warmwasser zahlt Herr M. 90 Euro. Da kann nichts gestrichen werden. Telefon und Internet: 35 Euro. „Hier könnte ich freilich 15 Euro sparen, wenn ich nur 20 Euro für ein Telefonanschluss zahlten würde, doch ich möchte nicht auf die Informationsmöglichkeiten des Internets verzichten. Tageszeitung: 18,67 Euro. „Die könnte ich im Prinzip auch einsparen, doch für mich gehört eine Zeitung gehört zum Leben.“ Handy: 15 Euro. „Wegen meiner gesundheitlichen Einschränkung brauche ich das für den Notfall, falls ich nicht zuhause bin. Außerdem möchte ich jederzeit für meine Mutter erreichbar sein.“

Monatsfahrtkarte: 60 Euro. 30 Euro kostet das Sozialticket für den Kreis Unna, also ließen sich im Prinzip doch 30 Euro einsparen. Aber Herr M. erklärt: „In Dortmund wohnt meine Mutter, die ich oft besuchen muss. Außerdem bestehen noch einige andere Kontakte zu unserer Nachbarstadt, da würden sich Einzeltickets unter dem Strich nicht rechnen.“

Keinen Cent sparen kann Herr M. bei folgenden Posten: Haftpflicht- und Hausratsversicherung – 10,43 Euro; Zuzahlungen für Medikamente – 3,59 Euro; Heizungswartung – 7,92 Euro; Friseur – 15 Euro („Ich möchte präsentabel bleiben!“); Heizungsdifferenz – 10 Euro. Ergebnis: Würde Herr M. seine Festausgaben monatlich auf 186,93 Euro beschränken, blieben ihm 5,74 Euro täglich. Bei den laufenden Festausgaben von 265,60 Euro verfügt er über 3,11 Euro pro Tag. Das Fazit des Hartz-IV-Empfängers Herr M. aus Schwerte: „Davon kann man als Single nicht leben!“

Die Entscheidung

Am Sonntag wollen die Spitzen der Koalition eine umfassende Reform der Hilfen für Langzeitarbeitslose beschließen. Wie stark werden die Regelsätze – derzeit 359 Euro – steigen? Um 5 Euro? Oder gibt es keinen einzigen Cent mehr, wie es die CSU bevorzugt? Wie die Hartz-IV-Reform letztendlich wirklich aussieht, ist völlig offen. Denn das Gesetz muss auch die Zustimmung des Bundesrates finden, in dem Union und FDP keine Mehrheit haben. Die SPD droht bereits mit Blockade. Übrigens: Nach einer Emnid-Umfrage lehnen 56 Prozent der Bundesbürger jede Erhöhung der Regelsätze ab.