Günter Goldenbogen und das Holz

Schwerte. (as) Bei Günter Goldenbogen ist das ganze Jahr über Weihnachten. Das liegt an seiner neuen Leidenschaft. Günter Goldenbogen arbeitet für sein Leben gern mit Holz. Er schnitzt, sägt und feilt. In seinen großen Händen entstehen zarte Objekte: Sterne, Rentiere, ganze Schlittengespanne, filigrane Weihnachtspyramiden und Krippen. Die Holzartikel sind heiß begehrt.

Die Arbeit mit Holz hat Günter Goldenbogen im sehr reifen Alter kennengelernt. 86 Jahre alt war er und an einem Tiefpunkt seines Lebens. „Ich war schwer krank“, sagt Günter Goldenbogen. Jahrelang wurde er mit einer Erkrankung von einem Krankenhaus ins nächste gebracht. Spiegelungen, Computertomographien, Operationen. Ein Schlaganfall. Weitere Operationen. „Bin dem Tod von der Schippe gehopst“, sagt er und liefert einen von vielen Beweisen für seinen ganz persönlichen spröden Humor. „Naja“, meint er, „von Hopsen kann eigentlich nicht die Rede sein.“ Nach seiner Krankenhaus-Odyssee ist er nämlich nicht mehr so richtig auf die Beine gekommen. Meist sitzt er im Rollstuhl.

Viele sagen: Er ist ein Künstler

Die Krankheit veränderte sein Leben. Seit anderthalb Jahren lebt Günter Goldenbogen im Heim. Genauer: im Friedrich-Krahn-Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt am Westhellweg 220. „Ich fand das am Anfang schrecklich“, gibt er unumwunden zu. „Ich wollte nichts machen, wollte mich einfach nur ausruhen“, sagt er. Monate hatte es gedauert, bis er sein selbst geschaffenes Schneckenhaus verlassen konnte. Bis er Angebote annehmen konnte: Er schaute sich im Oktober des vergangenen Jahres die Holzwerkstatt an. Und es war um ihn geschehen.

Der Mann, der sein Arbeitsleben als Former bei Holthausen und später als Kraftfahrer bei der Bundesbahn verbracht hatte, entdeckte eine handwerkliche Seite an sich. Andere sagen: Er ist ein Künstler.

Einmal in der Woche, jeweils dienstags, öffnet die Holzwerkstatt im Seniorenzentrum. Das war Günter Goldenbogen bald schon nicht mehr genug. Fast täglich besucht er den Raum, in dem es so wunderbar nach Holz und Leim riecht.

Er versucht sich an immer schwierigeren Objekten. Die bisher größte Herausforderung stellte ihm Karin Potthoff, Heilpraktikerin und ehrenamtliche Leiterin der Holzwerkstatt. „Ich hab da eine Weihnachtspyramide“, sagte sie und brachte die Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge einfach mal mit. Günter Goldenbogen schaute sich die Pyramide genau an, nahm Teile auseinander, setzte sie wieder zusammen – und machte sich selbst ans Werk. „Meine erste Weihnachtspyramide haben wir am 15. Mai 2015 eingeweiht“, sagt er. Das waren spannende Momente. Die Wärme der Kerzenflammen sollte schließlich das Flügelrad am Kopf der Pyramide antreiben. Günter Goldenbogen zündete also die Kerzen an. Die Freude war riesig, als sich das Rad an der Pyramidenspitze langsam zu drehen begann.

Sterne als Gaben für Menschen

Nur wenige Wochen später, es war der 9. Juni, hatte er bereits die zweite Pyramide fertiggestellt. Seither beschäftigt sich Günter Goldenbogen intensiv mit Sternen. Kleine Sterne, große Sterne, mittlere Sterne – als Gaben für besondere Menschen. Sterne, die sich ineinander drehen. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Was geschieht mit all den weihnachtlichen Dekorationen und Kunstwerken. Günter Goldenbogen ist unschlüssig. Er spricht vom Weihnachtsbasar im Friedrich-Krahn-Haus. Kirsten Hermann, Leiterin des Seniorenzentrums, muss schlucken. Ja, es gebe den Vorschlag, die Arbeiten von Günter Goldenbogen beim Basar anzubieten. Doch viel lieber würden sie, ihre Kollegen und all die Bewohnerinnen und Bewohner des Friedrich-Krahn-Seniorenzentrums die Arbeiten im Haus behalten und mit ihnen zur Adventszeit Foyer und Räume schmücken.

Günter Goldenbogen macht Mut

„Die Arbeiten sind wunderschön“, sagt sie. Aber sie sind ja noch so viel mehr. Die Figuren, Pyramiden, Krippen, Rentiergespanne und Sterne sind der beste Beweis, dass mit dem Einzug in ein Seniorenheim noch längst nicht alles vorbei ist. Günter Goldenbogen, mittlerweile 87 Jahre alt, macht mit seinem neu gewonnenen handwerklichen und künstlerischen Geschick Mut. Das Alter mag zwar der letzte Lebensabschnitt sein, aber einer, in dem es noch viel zu entdecken gibt.