Mit 74 Jahren das erste Buch

Schwerte. (NO) „Die Treppe, die sehnsüchtig nach oben führt, /kommt traurig zurück…“ Es sind Sätze wie diese, die innehalten lassen, Raum geben für weiterführende Gedanken und Gefühle. Annette Hövelmanns Gedichte schaffen einen Resonanzraum, in dem die Szenerien ihrer Lyrik lange nachhallen.

Hier ihr „Kirschblüten(mani)fest:

Kirschblüten verlassen lautlos ihr Baumhaus
und treten hinaus in den Luftstrom.
Im Mai öffnet die Straße ihren Flakon.
Ein betäubender Schlag
gegen die Sinne. Die Hütchenspieler in den dunklen Anzügen
fürchten um ihre Kontrolle.
Sie klatschen die Blüten ab wie Fliegen
und saugen sie in Maschinen. Der hohe Kirchturm,
weitab von Menschen, bleibt eine Bastion
der Reinheit. Seine Glocken schlagen sich durch
zu den „dunkelsten“ Revieren der Zivilisation,
betörende Distrikte, unbearbeitet, reine Natur.

Spätes Debut

Es gibt Dichter, die früh beginnen, ebenso gibt es Autoren, die sich viel Zeit lassen. Wie Annette Hövelmann. Mit dem Gedichtband „Nicht für die Luft geboren“ wagte sie ein spätes Debut.
1940 in Aschaffenburg geboren, lebt sie im Großelternhaus ihres Mannes in Schwerte – eine kunstsinnige Atmosphäre, ein Rahmen, in den sich die 74-Jährige gern einfügt. Zeitweise wohnt Annette Hövelmann auch in Müritz an der Ostsee, eine zweite Heimat. Dort hielt sich einst Franz Kafka auf. Auch das bringt ihre Saiten zum Schwingen. Wie die Lyrik des schwedischen Literatur-Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer, der erst kürzlich verstarb.

Lyrik, auch einige Kurzgeschichten, hat Annette Hövelmann schon immer geschrieben, sie veröffentlichte zahlreiche Gedichte in Anthologien und Zeitschriften. Die kurze Form kultivierte sie in der Phase, als sie ihren Mann pflegte. „Da war keine Zeit für lange Werke. Ich musste auf den Punkt kommen.“

Odyssee

„Nicht für die Luft geboren“ hat eine lange Odyssee hinter sich. Der lyrische Erstling der Schwerterin sollte ursprünglich in der Schweiz unter dem Titel „Das Gehirn ist eine große Tasse, in der es spukt“ herausgegeben werden. Erschienen ist er letztendlich als Hardcover im Ralf Liebe-Verlag, umfasst 72 Seiten und ist im Buchhandel erhältlich.

Der Band enthält Werke aus über 30 Jahren, der Spanne von 1981 bis 2013. Annette Hövelmann legt gereifte Texte vor, erkundet in vielfachen Brechungen das Wesen der menschlichen Existenz.

Keinen Titel trägt dieses Gedicht:

Ich spüre dich
in meinem Blut. Tief im Inneren
baust du ein Nest aus Wolkensaum
und Liebesherzen.
Dein Vogelleib ist hier zu Haus.
Er fliegt ein;
fliegt er aus?
Mein Blut ist seine Landebahn
– mein roter Schmerz –


„Nicht für die Luft geboren“

Annette Hövelmann

Verlag Ralf Liebe
72 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-944566-32-0