Mesut Özil (2. v. li.) und Ilkay Gündogan (2. v. re.) gehören zum Aufgebot der Fußball-Nationalmannschaft und wollen in Russland mit der DFB-Auswahl in das Achtelfinale einziehen.
Mesut Özil (2. v. li.) und Ilkay Gündogan (2. v. re.) gehören zum Aufgebot der Fußball-Nationalmannschaft und wollen in Russland mit der DFB-Auswahl in das Achtelfinale einziehen. (Foto: Getty Images/DFB)

Hagen. (hc) „Kroosartig“, „Es gibt nur einen Toni Kroos“ oder einfach nur Jubel – die Reaktionen nach dem Last-Minute-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Schweden waren pure Freude. Toni Kroos traf in der 95. Minute zum 2:1 – also in der allerletzten Sekunde.

Dabei hatte es aus der Heimat deutliche Kritik gehagelt nach der Niederlage gegen Mexiko. Defensiv zu sorglos, offensiv zu harmlos – so die fast einhellige Meinung über die Elf von Bundestrainer Joachim Löw.

Das stieß im DFB-Lager so manchem Spieler sauer auf, wie Toni Kroos bestätigte: „Einige hätten es wohl gerne gesehen, wenn es hier heute geendet hätte“, sagte der Mittelfeldspieler von Real Madrid direkt nach dem Spiel in die Mikrofone der Fernsehsender.

Doch durch den Sieg gegen Schweden hat der Weltmeister es nun in der eigenen Hand, das Weiterkommen zu ermöglichen.

Sieg oder Niederlage – was reicht zum Weiterkommen?

Die Konstellation ist allerdings schwierig. Wenn Mexiko gewinnt und Deutschland mindestens Unentschieden spielt, ist Mexiko Gruppenerster und Deutschland als Zweiter ebenfalls qualifiziert. Sollte Schweden gewinnen, hätten im Falle eines deutschen Sieges gleich drei Teams sechs Punkte. Sollte Schweden mit 1:0 gewinnen und ebenso die DFB-Auswahl Südkorea mit 1:0 besiegen, wären beide Sieger weiter und Mexiko müsste – auf Grund der weniger erzielten Tore – die Segel streichen. Wer Gruppenerster oder Gruppenzweiter wird, das würde allerdings dann die Fair-Play-Wertung entscheiden. Da liegt Deutschland, wegen der gelb-roten Karte von Boateng, derzeit hinter den Nordmännern.

Noch kurioser wird es, wenn Deutschland und Schweden beide mit 0:1 verlieren. Dann wären erneut drei Teams punktgleich – Deutschland, Schweden und Südkorea. Die Asiaten wären auf Grund des schlechtesten Torverhältnis (1:1) gegenüber den beiden europäischen Teams (2:2) ausgeschieden. Dann würde erneut die Fair-Play-Tabelle zwischen Schweden und Deutschland entscheiden, wer nach Mexiko in das Achtelfinale einzieht.

Erneute Veränderungen in der Startelf

Bundestrainer Joachim Löw wird erneut seine Startformation umbauen müssen. Jerome Boateng wird auf Grund der gelb-roten Karte für die Begegnung mit Südkorea fehlen. Auch Sebastian Rudy, der etwas überraschend gegen Schweden begann, wird aller voraussicht nach das Aufeinandertreffen mit dem WM-Vierten von 2002 verpassen. Er brach sich bereits nach nicht einmal 30 Minuten die Nase und musste ausgewechselt werden. Der Mittelfeldmann vom FC Bayern München war darüber alles andere als erfreut. Wutentbrannt warf er das blutverschmierte Handtuch auf den Boden, als DFB-Doc Müller-Wohlfarth dem Trainergespann riet, Rudy auszuwechseln. Mit einer Spezialmaske ist es eventuell möglich, dass Rudy gegen Südkorea doch noch eine Option ist.

Taktische Wechsel

Gegen Schweden brachte Löw mit Rudy und Marco Reus gleich zwei neue Mittelfeldspieler sowie den wiedergenesen Jonas Hector und Antonio Rüdiger als Hummels-Vertreter.

Von dem Quartett dürften mindestens Reus und Hector für das abschließende Gruppenspiel, sofern sie fit bleiben, gesetzt sein. Mats Hummels sollte ins Abwehrzentrum zurückkehren, muss sich da aber auf einen neuen Nebenmann einstellen. Ob erneut Rüdiger spielen wird, oder doch Niklas Süle seine Chance erhält, wird kurzfristig entschieden. Für Süle spricht, dass er in der Endphase der Saison neben Hummels bei Bayern München verteidigt hat.

Wer spielt neben Kroos?

Für den Platz neben Toni Kroos im defensiven Mittelfeld gibt es drei bis vier Bewerber. Ilkay Gündogan hat nach seiner Einwechslung gegen Schweden nicht so richtig die Bindung zum Spiel gefunden. Der Stratege des Star-Ensembles von Manchester City setzte kaum offensive Impulse. Immer wieder wählte er die sichere Passvariante und spielte einen hinter ihm postierten Spieler an. Doch gerade das könnte das Gleichgewicht zu dem etwas offensiveren Kroos sein.

Falls Löw sich nicht für Gündogan entscheidet, könnte erneut Sami Khedira seine Chance erhalten. Alternativen wären Leon Goretzka, der mehr Dribblings wagt, oder Matthias Ginter, der allerdings eher eine Notlösung sein sollte.

Neue Chance für Özil

Wenn es einen überraschenden und kreativen Lösungsansatz geben soll, dann könnte Löw sogar Mesut Özil in die hintere Mittelfeldkette beordern. Der Mann von Arsenal London war bisher beim Bundestrainer immer gesetzt. Gegen Schweden wurde er erstmals nicht berücksichtigt. Sein Vertreter Reus machte die Sache auch sehr gut, so dass Özil wohl nur auf einer anderen Position den Weg ins Team zurückfindet.

Abgeschüttelt haben offensichtlich weder Gündogan noch Özil den Rummel um das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan. Die beiden hatten sich im Vorfeld des DFB-Pokalfinals in Berlin mit der DFB-Führung und Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier getroffen.

„Kein politisches Signal“

DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte nach dem Treffen: „Es verdient Respekt und Anerkennung, dass Mesut Özil und Ilkay Gündogan persönlich die Irritationen ausräumen wollten. Genauso sage ich aber auch, dass dieser offene und ehrliche Austausch mit den Spielern für uns als DFB wichtig war. Beide haben uns gegenüber versichert, dass sie mit dieser Aktion kein politisches Signal senden wollten. Gleichzeitig haben die Spieler vermittelt, dass sie auf und neben dem Spielfeld für unsere Werte stehen und sich damit identifizieren. Der DFB steht für Werte, und wir haben nochmal deutlich unterstrichen, dass unsere Spieler gerade in ihrer Vorbildfunktion für die Jugend eine besondere Verantwortung tragen. Ich wünsche mir, dass sich die Mannschaft jetzt auf die sportliche Vorbereitung der WM konzentrieren kann und die Spieler wieder aufgrund ihrer sportlichen Leistung von sich reden machen.“

„Gute Botschafter für Integration“

Manager Oliver Bierhoff sagt: „Ich kenne beide Spieler schon seit Jahren und weiß, wie sehr sie sich mit der Nationalmannschaft und unseren Werten in Deutschland identifizieren. Mesut und Ilkay sind nicht nur aufgrund ihrer Entscheidung, für Deutschland spielen zu wollen, weiterhin gute Botschafter für Integration. Sie unterstützen auch mit viel Leidenschaft zahlreiche Projekte außerhalb des Fußballs, gerade auch mit Bezug auf Integration. Daher bin ich froh, dass sie diese Initiative ergriffen haben, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Integration ist und bleibt in unserer Gesellschaft weiter eine riesige Aufgabe und tägliche Herausforderung, was Toleranz und Aufeinander-Zugehen bedeutet. Unsere Aufgabe ist es, mit der Mannschaft und dem Fußball diese Arbeit zu unterstützen.“

Bestnoten für Debütanten

In Russland schafften es weder Özil noch Gündogan die ganz großen Akzent zu setzen. Dafür verdienten sich mit Timo Werner und Marco Reus zwei WM-Debütanten Bestnoten gegen die Schweden. Vor allem Werner, der auf dem Flügel mit seinen Tempoläufen die schwedische Abwehr ein ums andere Mal in schwere Bedrängis brachte, war ein wichtiger Offensivfaktor.

Superstar in der Premiere League: Heung Min Son spielt aktuell bei Tottenham Hotspur und ist einer der ganz großes Stars in der koreanischen Nationalmannschaft.
Superstar in der Premiere League: Heung Min Son spielt aktuell bei Tottenham Hotspur und ist einer der ganz großes Stars in der koreanischen Nationalmannschaft.
(Foto: Dmitry Golubowitsch)

Diese Rolle wird auf Südkoreas Seite ein in der Bundesliga bekanntes Gesicht übernehmen: Heung Min Son. Zwischen 2010 und 2015 spielte er 135 Mal für den HSV und Bayer Leverkusen in der 1. Fußball-Bundesliga und erzielte dabei 41 Treffer. Seit 2015 stürmt er für den Londoner Club Tottenham Hotspur an der Seite des englischen Kapitäns Harry Kane. In der Nationalmannschaft traf er 21 Mal in 68 Partien.

Korea mit Verletzungspech

Gegen den Titelverteidiger will sich Südkorea, das noch theoretische Chancen auf das Weiterkommen hat, gut präsentieren. Allerdings machen Verletzungen den Asiaten zu schaffen. Und für ihren Star Son ist die Weltmeisterschaft eine der letzten Chancen gewesen, seinen 21 Monate andauernden Wehrdienst in der Heimat zu umgehen. Da Son bereits 2008 nach Deutschland kam, um seine fußballerische Ausbildung abzuschließen, absolvierte er nicht den für die Koreaner nötigen Wehrdienst. Bis zum Juli 2019 hat er nun Zeit den Dienst anzutreten – oder mit einer überragenden sportlichen Leistung vom Wehrdienst befreit zu werden. Ein Gewinn der Asienmeisterschaft dürfte die letzte Chance für Son sein – falls die Südkoreaner gegen Deutschland ausscheiden –, der Armee zu entkommen.