Leseherbst: Österdahls Debütroman

von Sandra Schievelbusch

Hagen. Lust auf politisch-­historische Verschwörung? An trüben Tagen auf der Couch sitzen und mitfiebern, wie eine junge Frau aus dunk­len Machenschaften befreit wird – das ist möglich mit Martin Österdahls Debüt „Der Kormoran“.

Russland im Jahr 1996: Wah­len stehen an, Boris Jelzin ist Präsident, möchte wiedergewählt werden. Sein Gegenkandidat Gennadi Sjuganow ist Stalin-Verehrer. Eine Veschwörung ist im Gange, angezettelt von Kräften, die das Stalin-Reich auferstehen lassen wollen.

Mittendrin der Mitzwanziger Max Anger, angestellt bei einer schwedischen Denkfabrik, der es um die Demokratie in Osteuropa geht. Während eines Aufenthaltes in Sankt Petersburg verschwindet seine Kollegin und Freundin. Anger fährt zu ihrem letzte Aufenthaltsort, deckt ihre Entführung auf. Nun drängt es Anger erst recht, weiter zu suchen.

Da wird es vordergründig bombastisch mit einem Hacker-Angriff auf das Mobilfunknetz inStockholm, Gewalt und Mord. Aber die Hintergründe gehen zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Max Anger, ein Adoptivkind ohne Kenntnisse über seine Familie, hat in Russland studiert und war beim Militär, bevor er Analyst im schwedischen Think Tank wurde – mit einer Chefin, die ihm alle Freiheiten gewährt.

Autor Martin Österdahl kennt sich aus im russisch-schwedi­schen Verhältnis, sei es in der Zeit des Kalten Krieges oder in der allerjüngsten Vergangenheit. Als Leser nimmt man aus seinem Debütroman gleich eine Portion Geschichte mit.

Der in Stockholm gebürtige Österdahl arbeitete über zwanzig Jahre für TV-Produktionen. Vielleicht der Grund, dass das Erstlingswerk „Der Kormoran“ vermuten lässt, in das heutzutage beliebte Serienformat zu gehen?

Mein Fazit: Ein kompakter Polithriller mit Nähe zur Realität. Man muss allerdings dran bleiben, um beim nächsten Griff zum Buch nicht die letzten gelesenen Seiten zwecks Erinnerung noch einmal zurückblättern zu müssen. Die typische skandinavische Thrillerspannung à la Stieg Larsson oder Jussi Adler-Olsen lässt sich hier mitnichten finden.

Erst gegen Ende wird es dann sehr actionreich, die Brutalität wird bis ins kleinste Detail beschrieben. Als Leser ist man hier eher an Filmszenen erinnert. Wer nicht den ganz großen Nervenkitzel erwartet, aber durchaus mit einem niveauvollen Agentenfall unterhalten werden will, dem ist „Der Kormoran“ zu empfehlen.

Meines Erachtens liegen die Stärken von Martin Österdahl aber doch eher im TV-Produzieren.

 

Anzeige