Geht‘s noch?

Oskar muss den Leuten einfach ständig auf die Füße gucken. Nicht, dass er auf der Parkbank säße oder über seiner Fensterbank hinge und sonst nichts zu tun hätte! Oskar ist selbst im mittleren Lebensalter, berufstätig, Familienvater und ständig unter Dampf.

Ob die Menschen „gerade“ gehen – das kontrolliert er quasi im Vorbei-Eilen mit geübtem Kenner-Blick. In Sekundenbruchteilen nimmt er kleinste Besonderheiten wahr. Da rollt einer nicht richtig ab. Die hat X-Beine. Der dort knickt mit dem linken Fuß ein. Der hinkt und die da geht stärker auf der Fußspitze, als gut für sie sein kann.

Wenn Oskar in Begleitung ist, lenkt ihn das Gespräch von der Geh-Beobachtung meist ab. Aber selbst dann dringen besonders krasse Fußfehlstellungen oder Bewegungsanomalien immer noch sofort zu seinem Bewusstsein durch. Immer! Dafür kann er nichts. Sobald er allein durch die Gegend zieht, klebt sein Blick konzertiert am Boden um ihn herum. Und was er da sieht, quält ihn geradezu.

Es gibt dabei Härtefälle, die möchte Oskar nicht an sich vorbeiziehen lassen, ohne etwas zu unternehmen. Da will er helfen! Aber er traut sich nicht. Vielleicht sind die Leute ja bereits in orthopädischer Behandlung. Vielleicht aber auch nicht. Was, wenn nicht!? Langfristig werden doch die Knochen schief, das geht doch auf den Rücken, auf die Hüften, auf das Becken, auf das ganze Knochensystem. Die Spätfolgen, die Langzeitfolgen, eventuell spätere Operationen oder Gehbehinderungen… ach, ach, ach, Oskar mag es sich gar nicht ausmalen!

Das könnte er verhindern, wenn er jetzt etwas sagen würde, wenn seine warnenden Worte die Menschen zum Arzt brächten. Und deshalb schleicht er um solche Leute herum, lässt sie vorgehen, überholt wieder, lässt sie nochmals vorgehen… und dabei rattert es hektisch in ihm. Soll er sie ansprechen? Was soll er denn bloß sagen? Und: Würden Sie ihn beschimpfen, für plemplem halten? Oskars Herz rast richtig in solchen Momenten.

Und was, wenn die, die er retten will, ihn fragen würden, ob er denn Orthopäde sei? – Dann müsste er gestehen, dass er von Orthopädie einfach nicht die geringste Ahnung hat und dass er seine Brötchen als Buchhändler verdient. Wie nur, wie könnte er erklären, welch seltsame tiefsitzende Geh-Sorge ihn da umtreibt und dass er es nur gut meint?

Ach herrje, manche Menschen haben fürwahr ein schweres Päckchen zu tragen.

Schönen Sonntag.