Im Tomaten-Rausch

Letztes Jahr hatten die Kramers eine sogenannte „Naschtomate“ gekauft. Sie stand auf der Küchenfensterbank und produzierte kleine Tomätchen. Die beiden Kinder naschten sie weg und freuten sich dran.

Das fiel Mutter Tanja wieder ein, als sie im Gartencenter plötzlich Bottiche mit den Bildern praller Prachttomaten auf dem Deckel erblickte.

Vollbremsung! Plastiktopf gleich dabei? Passende Erde auch? Zum Einsäen? 5,95 Euro? Her damit. Halt! Besser gleich zwei, sonst streiten sich die beiden Zicken daheim am Ende nur.

Beim Auspacken auf dem heimischen Balkon fand sich in den Töpfen je ein Samentütchen. „Mindestens zwölf Tomatenpflanzen“ garantierte der Hersteller.

Zwölf? Mal zwei? – Upps. Naja, Tanja hat keinen grünen Daumen. Wenigstens eine brauchbare Pflanze erhoffte sie.

Gießen. Warten. Warten. Gießen. Warten … „Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen, solange man einen Garten hat“, sagen sie in China. Na ja.

Doch dann begann das Sprießen. Und es sprießte wie verrückt. In jedem Topf strebten mindestens vierzig Tomatenkeimlinge ans Licht der Welt.

Tanja konnte es kaum fassen. Ein wahrer Tomaten-Dschungel! Irgendwann musste sie herzlos sein und energisch roden.

Mehr Platz. Mehr Licht. Jetzt begann das Wachstum. Und wie! Bald hatten sich alle Pflänzchen dermaßen in den Blättern, dass Tanja wieder handeln musste. Sie kaufte zwei Sack Erde, kleine und große Tontöpfchen – für fast 30 Euro. Einen ganzen Nachmittag verbrachte sie mit Umtopfen. Anschließend war der ganze Balkon vollgekrümelt und überall standen Tomatentöpfchen.

Mehr Platz. Mehr Licht. Jetzt begann das Gedeihen.

Und wie! Tomaten. Tomaten. Tomaten. – Das Gießen wurde Tanjas Hauptbeschäftigung. Macht nichts, dachte sie. Verschenken wir halt vor den Sommerferien die Tomatentöpfchen an gute Freunde, die Nachbarn, den Briefträger, die netten Männer von der Müllabfuhr, unseren Hausarzt, die Steuerberaterin … – die werden sich alle freuen!

Die Ernüchterung kam bald. „Willste ‚nen paar Tomatenpflanzen“, fragte Tanja nicht ohne Stolz ihren Kollegen Norbert, einen erfahrenen Hobbygärtner mit großem Grundstück. Und was antwortet der?

„Jetzt noch? Die hätten schon vor mindestens zwei Monaten ausgepflanzt werden müssen!“

„Dumme rennen. Kluge warten. Weise gehen in den Garten.“ Auch chinesisch. Aber auch Weise können auf die Nase fallen.

Schönen Sonntag!