SonnTalk: Märchen-Haft

Von Claudia Eckhoff

Prinzessin Latifa lebt in Dubai in einem Luxus-Palast und wird von einem Heer von Bediensteten umsorgt. Allein der Schwimmsaal darin erinnert an ein Marmor- und Mosaik­-Märchen wie aus Tausend und einer Nacht. Kostbar aber ist der 33-jährigen Prinzessin etwas ganz anderes: „Einfach sagen zu können, was man denkt, lesen zu können, was einen interessiert, tun zu können, was man will oder gehen, wohin man möchte. Dabei hört sich das so einfach an, als sei es ganz selbstverständlich.“ Das sagte Latifa kurz vor ihrer Flucht, die sie sieben Jahre lang vorbereitet hatte. Für den Fall, dass etwas schiefgeht, hat sie vorher heimlich ein 40-minütiges Video aufgenommen, in dem sie von ihrem rechtlosen Leben in einem goldenen Käfig berichtet.

Latifa ist eins von mehreren Dutzend Kindern des Premiers der Vereinigten Arabischen Emirate. Ihr Vater, Mohammed bin Raschid al-Maktoum, den sie in ihrem Video „das Böse in Person“ nennt, hat diverse Ehefrauen und strengste landestypische Vorstellungen davon, was einer Frau erlaubt sei. Seine Töchter dürfen kaum das Haus verlassen, keinen Schritt alleine tun, stehen unter ständiger männlicher Bewachung, dürfen nicht ohne Aufsicht reisen, nicht studieren, nicht einmal ein Handy besitzen. Latifa hat schon mit 16 Jahren erstmals versucht, aus der Märchen-Haft auszubrechen. Es ist ihr schlecht bekommen: Drei Jahre lang hielt die Familie sie anschließend gefangen, misshandelte sie, folterte sie, entzog ihr über lange Zeit jegliches Tageslicht, setzte sie unter Drogen. Ihre Sehnsucht nach Freiheit überlebte aber.


Sie berichtet in ihrem Video auch, wie es schon ihrer älteren Schwester Shamsa erging, nachdem sie vor fast zwanzig Jahren geflohen und wieder eingefangen worden war. Hinter den prächtigen Palastmauern hätten die Schergen des Vaters Shamsa mit Drogen und Betäubungsmitteln zu einem Zombie gemacht.

Eine wandelnde Tote ist vielleicht mittlerweile auch Latifa. Sie wollte mit einer Segelyacht von Oman nach Indien fliehen, um in den USA Asyl zu beantragen. Es ist schiefgegangen. In internationalen Gewässern wurde die Yacht überfallen und die verzweifelte Prinzessin wurde von ihrer übermächtigen Familie gewaltsam zurückgeholt. Monatelang gab es gar kein Lebenszeichen von Latifa. Kürzlich hat man sie aber kurz der Presse vorgeführt, „tief betrübt über die üblen Gerüchte“. Der autoritär regierte Öl-Staat gibt sich gern weltoffen und seiner Zeit voraus, glitzernd und glänzend, hochmodern, spiegelglatt, international, luxuriös und atemberaubende Maßstäbe setzend. Das zieht jedes Jahr Millionen von westlichen – insbesondere auch deutschen – Touristen an, die den Luxus bestaunen. Kostet ja fast nix. Für einen „Appel und ‘nen Ei“ kommt man da schon hin. Aber als Prinzessin eben niemals raus.

Schönen Sonntag! In Freiheit.

 

 

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