SonnTalk: Ganz langsam

SonnTalk – Von Claudia Eckhoff

Nur Fliegen ist schöner, meinen Gerda und Fritz rückblickend auf ihre Bahnfahrt. Die beiden 80-Jährigen sind äußerst munter und reiselustig, schon weil ihre beiden Söhne mit sämtlichen Enkelkindern in Zürich beziehungsweise in München leben. Gewöhnlich fahren die Großeltern mit ihrem Auto, aber dieses Mal hatte Fritz bei der Deutschen Bahn einen unschlagbar günstigen Tarif erwischt.

Abfahrt München Hauptbahnhof um 9.28 Uhr, geplante Ankunft zuhause um 15 Uhr.
Erst läuft es tadellos, aber gegen 12 Uhr hält der Zug vor Mannheim mitten in der Pampa. Nach zwanzig Minuten erschallt die Durchsage, man arbeite an einem technischen Problem. Nach weiteren dreißig Minuten: Man habe das Problem so weit im Griff, dass man mit verminderter Geschwindigkeit und auf Nebenstrecken bis zum nächsten Bahnhof kommen könne, um nicht auf freier Strecke evakuieren zu müssen. Laaangsaaam geht es weiter in Richtung Norden.

Durchsage: Der ICE 610 sei so weit in Ordnung, dass er gaaanz laaangsaaam bis Köln weiterrollen könne. Kurz hinter Frankfurt bleibt er wieder stehen. Der Durchsager weiß gar nicht, wie er es sagen soll: Es geht nicht weiter, weil auf dem Gleis eine Leiche gefunden wurde. Alle Fahrgäste nach Köln werden gebeten, mit ihrem Gepäck über eine steile Eisentreppe und lange Eisenübergänge zu wechseln in den nebenan stehenden ICE 628. Der ICE 610 führe nämlich zurück nach Frankfurt.

Puh! Gerda und Fritz schaffen den halsbrecherischen Umzug. Aber statt weiter nach Köln, rollen sie jetzt zurück nach Frankfurt und da endet die Fahrt. Dort steht aber – ach, schau mal an! – der ICE 610, der ab 17.25 Uhr laaangsaaam nach Köln fahren wird, so hört man. Von einem Gleis zum anderen brechen sich Gerda und Fritz schwer beladen fast die Knochen, denn die Rolltreppe ist defekt und der Aufzug außer Betrieb. Tatsächlich: Der ICE 610 schleicht über Bonn und kommt um 19.45 Uhr in der Domstadt an. Endstation.

Weiterfahrt in Richtung Dortmund – gestrichen! Gerda und Fritz finden noch eine Regionalbahn, die um 20.21 Uhr nach Osten fährt und kommen um 21.20 Uhr am Heimatbahnhof an. Mit dem Taxi erreichen sie endlich – sechs Stunden später als geplant – um 21.30 Uhr fix und fertig mit den Nerven ihr Häuschen im Grünen.

Ein Bahn-Erlebnis war’s und eine Geschichte wird’s bleiben. Für immer.

Schönen Sonntag.