Wahre Liebe

Von Claudia Eckhoff

Die schroffe Felsküste ganz im Südwesten Englands hat etwas Großartiges. Fast senkrecht bricht in Cornwall das stille, grüne, fast menschenleere Wiesenland ab und stürzt senkrecht in die gischtschäumende Tiefe des Meeres.

Sträucher gibt es, weiten Himmel, Wolkenberge, Ziegen, hier und da Pferde, einen ungestörten Horizont und mächtig viel Gras unterm Wind.

Das winzige Örtchen Tintagel ist trotzdem für Touristenmassen ein wahres Mekka. Sie strömen aus aller Welt herbei, weil hier – genau hier – auf einem der Küste vorgelagerten Felsrücken der legendäre König Arthur gelebt haben soll. Burgreste sind reichlich vorhanden. Und in der Grotte am Fuße des Felsens, die bei Flut gar unerreichbar ist, habe der Zauberer Merlin gehaust. So erzählt es die Sage.

Abertausende kommen in jeder Saison, um sich das anzuschauen. Das Dörfchen hat darum jede Menge Cafés und Andenkengeschäfte, Zauberkrempel aller Art und auch Gästezimmer. Die meisten Touristen fahren vor, erklettern den Felsen, sagen „Ahhh“ und „Ohhh“, essen ein überteuertes Sandwich zum englischen Tee – und sind wieder weg.

Wer länger bleibt, entdeckt, was Tintagel sonst noch zu bieten hat. Die Kirche. Den Friedhof. Die verlassenen Steinbrüche. Eine sagenhafte Badebucht, die bei Flut nicht zu ahnen ist und nur bei Ebbe auftaucht.

Und?

Eine Gedächtnisplatte. Die kleine unscheinbare Bronzetafel hängt an einem großen flachen wadenhohen Stein mitten in der Einsamkeit unweit des Dorfes direkt am Trampelpfad, da, wo das Land ins Meer stürzt.

Ein gewisser Harry aus Tintagel hat sie angebracht und mit seinem Namen unterschrieben. Das was 2009. Die Inschrift ist seiner Cecilia gewidmet, der Frau, mit der er 52 Jahre lang verheiratet war. Die beiden sind, so erzählt die Tafel, allabendlich hierher hinausgewandert, haben sich auf den Stein gesetzt und gemeinsam aufs Meer geschaut. Über ein halbes Jahrhundert lang.

Was hätten sie auch sonst tun sollen, abends in einem Ort wie Tintagel?

Als Cecilia starb, konnte es Harry wohl kaum ertragen, nun ohne sie auf dem Stein zu sitzen und ganz allein auf das unendliche Meer zu schauen. Da, wo sie immer saß, schraubte er die Bronzeplatte an. Ob der alte Mann mit dem gebrochenen Herzen wohl heute noch lebt?

Was aber spürbar lebt, ist der Zauber einer kleinen, bescheidenen, unkaputtbaren, langen Liebe vor ganz großer Kulisse.

Mancher Wanderer, der die Platte in der Einsamkeit entdeckt, wischt sich ein echtes Tränchen von der Backe…

Schönen Sonntag!