Der große Absturz

Nächte können lang werden. Abgründig und abenteuerlich lang. Tilos Freund Max hat es erlebt. Der junge Mann dachte, er sei trinkfest. Bis zum letzten Wochenende. Am Sonntagnachmittag traf Tilo ihn zufällig auf der Straße. Es schüttete wie aus Kübeln, es war kalt. Max stand im T-Shirt im Regen – Augenränder bis nach Bayern.

„Hast du mein Fahrrad gesehen?“, fragte Max. „Oder meine Jacke? Meinen Rucksack? Meinen Haustürschlüssel?“ Hatte Tilo natürlich nicht. Was war mit dem jungen Mann geschehen?

Zuletzt hatte man sich in der Samstagnacht gesehen. Max hatte Feierabend, man trank noch ein Bierchen zusammen. Als Tilo ging, war es fünf Uhr morgens.

Max konnte sich daran erinnern, mit Florian noch weitergezogen zu sein. Eine nette, abtrünnige Kneipe im Bahnhofsviertel war das Ziel. Klasse Laden. Zumindest dann, wenn man a) völlig betrunken ist und b) noch betrunkener werden will.

Als die Beiden die Kneipe verließen, stürzte Florian bei dem Versuch, sein Fahrrad zu besteigen. Also schoben die Freunde die Räder. Florian kam auch gut nach Hause. Max fand sich morgens um halb zehn in einer Bar wieder. Ohne Fahrrad. Ohne Jacke. Ohne Rucksack. Ohne Schlüssel. Das Schlimmste: „Ich habe wirklich keine Ahnung, was passiert ist. Ich weiß nicht, wo ich war, ob ich allein war. Ich weiß nur so gerade, wer ich bin …“

Sein Wortschatz war geschrumpft auf die fünf beliebtesten Kneipen-Wörter:

  • Flur: (Wie viel Uhr?)
  • Schlange (Schon lange nicht mehr gesehen)
  • Kanufahren (Kann noch fahren)
  • Eishockey (Alles O.K.) und
  • Wirsing (Wiedersehn)

In der Bahnhofskneipe waren seine Sachen übrigens nicht. Dort sagte man ihm aber, er sei innerhalb von nur vier Stunden drei Mal gekommen und gegangen. Max wusste davon nichts. Er suchte die Straßen nach seinen Sachen ab. Vergeblich. Er hatte einen großen Wunsch – schlafen. Daheim. Im eigenen Bett. Nur, wie sollte er in die Wohnung kommen?

Ein weiterer Freund wurde angerufen. Einer, der nützlich ist. Der eine Haustür schonend öffnen kann. Max fiel in sein Bett und schlief sofort ein.

Und die verschwundenen Klamotten? Wahrscheinlich entmaterialisiert auf Ewigkeit …

„So geht‘s mit Tabak und mit Rum:

Erst bist du froh, dann fällst du um“ reimte Wilhelm Busch schon vor 150 Jahren.

Manche Leute lernen‘s nie …