Erinnerung

In kaum einer anderen vergleichbaren deutschen Stadt gibt es dieser Tage so viele und vor allem so ungewöhnliche Veranstaltungen zur Reichspogromnacht wie bei uns in Hagen – siehe hierzu auch den obenstehenden Artikel.
Am Freitag ist der 9. November – ein Tag, der in vielfältigster Weise in den deutschen Geschichtsbüchern und in unserem kollektiven Bewusstsein verankert ist. In diesem Jahr schaut alle Welt insbesondere auf die „Reichspogromnacht“. Denn vor genau 80 Jahren riefen Rechtsextremisten, aber auch von den Nationalsozialisten motivierte „ganz normale Bürger“ dazu auf, gegen die Juden im Deutschen Reich mit Gewalt vorzugehen.
In den Tagen zwischen dem 7. und 13. November 1938, von den Historikern oft als die Zeit der „Novemberpogrome“tituliert, wurden Hunderte Menschen ermordet, misshandelt oder in den Suizid getrieben. Über 1.400 Synagogen, Bet­stuben, Versammlungsräume, Friedhöfe sowie tausende Geschäfte und Wohnungen wurden demoliert, geschändet, angezündet oder ausgeplündert. In den folgenden Tagen haben die Nazis mindestens 30.000 Juden inhaftiert und in Konzentrationslager transportiert. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete.
Mindestens 127 Menschen kamen im Zuge der Novemberpogrome allein auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Nord­rhein-Westfalen ums Leben – das ist das aktuelle Ergebnis eines landesweiten Forschungsprojekts der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf. Die Ergebnisse des vom Land geförderten Projekts belegen, dass die bisher kursierende Zahl von 91 Toten im gesam­ten damaligen Deutschen Reich deutlich zu niedrig ist.
Auch die Hagener Synagoge in der Potthofstraße wurde damals zerstört. Anfang 1933 lebten etwa 600 Jüdinnen und Juden in der seinerzeit noch nicht mit Hohenlimburg (hier gab es eine eigene jüdische Gemeinde) verbundenen Volmestadt. Rund der Hälfte gelang es, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen und irgendwo auf der Welt Asyl zu erhalten. Von gut hundert Menschen wissen wir nicht, was aus ihnen geworden ist. Alle anderen wurden in verschiedenen Konzentrationslagern umgebracht.
Diese grausame Zeit ist 80 Jahre her, eine lange Zeit, könnte man meinen.
Und dennoch: dieser „runde Gedenktag“ gibt Anlass, an diese schlimme Ära zu erinnern. Unterdessen darf man nicht die Augen davor verschließen, dass antisemitische Übergriffe in Deutschland wieder stark zunehmen. Auch werden die Ereignisse von 1938 von rechten Politikern verharmlost. Überdies sind in vielen Teilen der Welt Regierungen ans Ruder gelangt sind, zu deren „Markenzeichen“ unter anderem Intoleranz, Rassismus und Nationalismus gehören – so wie vor 80 Jahren.
Wohin all dies damals schließlich geführt hat, können wir uns auch in Hagen vergegenwärtigen: 1945 war die Volmestadt im Innenstadtbereich zu fast hundert Prozent zerstört. Tausende Volmestädter waren tot. Deshalb: Erinnern tut unbedingt not! Tilo