Kurve kriegen

Es gibt Meldungen, die lösen auf den ersten Blick Freude aus und beim zweiten Hinsehen genau das Gegenteil. Die Meldung zum Projekt „Kurve kriegen“ ist so gestrickt.

Zunächst das Gute an diesem Projekt. Es geht um acht- bis 14-jährige Kinder, die auf die schiefe Bahn zu rutschen drohen.

Das NRW-Innenministerium hat acht Modellregionen auserkoren. Eine von ihnen ist Hagen. In den ausgeguckten Städten sollen die Vorbeugungs-Kommissariate der Polizei und die Jugendämter noch enger zusammen arbeiten. So will man frühzeitig Kinder ausfindig machen, die zu sogenannten jugendlichen Intensivtätern abzugleiten drohen, zu „Verbrechern“ also, sagen wir es mal deutlich. Die lobenswerte Idee: Wenn es gelingt, diese Kinder rechtzeitig vor dem Abrutschen zu bewahren, ist dies nicht nur für diese Menschen gut, sondern auch ein Gewinn für unsere Gesellschaft.

Die Vorbeugungs-Kommissare sind meist die ersten, die vom Start in eine kriminelle „Karriere“ Wind bekommen. Im nächsten Schritt werden – unterstützt vom Jugendamt – die Eltern angesprochen. Sagen sie „ja“ (was sie leider nicht müssen!), werden Erziehungs-Experten vom Verein „Die Brücke“ mobilisiert. Sie sollen dann – finanziert vom Land – dafür sorgen, dass die jungen Nachwuchs-Kriminellen doch noch die „Kurve kriegen“ und in ein geordnetes Leben finden. So weit, so gut.

Aber jetzt kommt der zweite Blick. Allein in den letzten Monaten wurden in Hagen rund 100 Kinder im Sinne dieses neuen Programms unter die Lupe genommen. Bereits 21 von ihnen wurden in das Projekt aufgenommen. Für bis zu 40 Kinder ist Platz – und es besteht kaum ein Zweifel darüber, dass diese Zahl schon bald erreicht wird.

Folglich wird es etlichen weiteren Hagener Problem-Kindern so gehen, wie dem 15. Ferkel, für das keine Zitze am Schweinebauch mehr frei ist. Warum wird so ein vernünftiges Programm von vorneherein derart mickrig „gestrickt“, dass die Mehrheit der Betroffenen gar nicht daran teilnehmen kann?

Diese besonders gefährdeten Kinder sind eh nur die Spitze des Eisbergs. Denn das Hagener Jugendamt muss sich momentan insgesamt um etwa 1.000 Kinder intensiv kümmern – teilweise mit einer tagtäglichen Betreuung wie bei der Super-Nanny im Fernsehen.

Unterm Strich gibt es an Volme und Lenne derzeit nur noch etwa 25.000 Kinder. Wenn davon etwa 1.000 aus Problem-Familien stammen, ist das beängstigend. Wie es ausschaut, wird der Prozentanteil eher steigen als sinken. Und das, obwohl wir immer mehr für Familien tun – etwa durch den Ausbau der Kindergärten, der Ganztagsbetreuung an Schulen, durch kleinere Klassen, Sprachförderung, Angebote des Kinderschutzbundes usw usw.

Sieht so aus, als müssten hier noch viele, viele andere Menschen, vor allem etliche Eltern, endlich mal die Kurve kriegen…

Tilo