Rolle vorwärts

Kennen Sie die Geschichte von dem Mann, der morgens an die Zimmertür seines Sohnes klopft und ruft: „Marco, wach auf!“?

Marco ruft zurück: „Ich mag nicht aufstehen, Papa.“

Darauf der Vater noch lauter: „Steh auf, du musst in die Schule!“

„Ich will nicht zur Schule gehen.“ – „Warum denn nicht?“, fragt der Vater.

„Aus drei Gründen“, sagt Marco. „Erstens ist es so langweilig, zweitens ärgern mich die Kinder, und drittens kann ich die Schule nicht ausstehen.“

Der Vater erwidert: „So, dann sag‘ ich dir drei Gründe, wieso du in die Schule musst: Erstens ist es deine Pflicht, zweitens bist du 45 Jahre alt, und drittens bist du der Klassenlehrer.“

Sie merken, lieb Leserschaft, wir kümmern uns heute um die Schule, genauer: um die Hauptschule.

Tilo war noch Student, als vor langer Zeit ein alter Bekannter um Hilfe bat. Seine zehnjährige Tochter sollte ein paar Nachhilfe-Stunden bekommen. Das Mädchen war im Unterricht ein „Spätzünder“, es drohte der Wechsel von der Grund- zur Hauptschule. Das sollte um jeden Preis verhindert werden – stattdessen wurde ein Übergang zur Gesamtschule geplant.

Die ganze Sache war etwas pikant: Der alte Bekannte war bekennender CDU-Mann und sogar Mitglied im Vorstand einer Ortsunion. Doch die Christunion war damals nicht nur erbitterter Gegner der Gesamtschule, sondern auch der Meinung, dass die Hauptschule ein wertvoller Bestandteil des dreigliedrigen Schulsystems sei. Schon damals wussten es viele Parteifreunde besser – aber nur heimlich, versteht sich.

Das Lied von der wertvollen Hauptschule hat die CDU bis in die allerjüngste Vergangenheit gesungen. Doch nun ist Rolle rückwärts angesagt, ähnlich wie in der Atompolitik. Plötzlich kann sich die CDU vorstellen, die Hauptschule verschwinden zu lassen. Zugunsten einer neuen Oberschule, in der dann auch die Realschule aufgehen soll.

Oberschule? Merkwürdiger Begriff! Früher nannte man die Gymnasien so, während die Real- als Mittelschule bezeichnet wurde.

Aber egal, wie das „Kind“ künftig heißt, das Ende der Hauptschule ist absehbar. Ein denkbar schlechter Ruf und rasant sinkende Schülerzahlen gehören zu den Gründen. Von 2003 bis 2008 in Hagen rund ein Sechstel weniger, in gerade mal fünf Jahren! Aus dieser Zange ist ohne Neuanfang kein Entkommen.

Die Schulen in Dahl und Wehringhausen sind bereits futsch, als nächstes droht der Hauptschule Heubing in Haspe das Aus. Weitere werden folgen. Denn der Trend zu weniger Kindern ist auch in Hagen bejammernswerterweise ungebrochen.

Da ist es schön, dass jetzt auch die CDU ihre „Hauptschullektion“ begriffen hat. Von wegen „Rolle rückwärts“, das ist endlich mal eine „Rolle vorwärts“…

Tilo