Tilo: Mit Kopftuch

Das Medienzentrum des Landschaftsverbandes Westfalen-­Lippe (LWL) hat soeben eine neue DVD auf den Markt gebracht: „Vertrieben“.

Nein, es geht in diesem Film nicht um Syrer oder andere nahöstliche Flüchtlinge, sondern hauptsächlich um Migranten aus Schlesien. Als sie kamen, damals vor 70 Jahren, stand keine Kanzlerin vor der Weltpresse und sagte „Wir schaffen das!“ Und sie kamen auch nicht in einen funktionierenden Staat, sondern in ein zerstörtes „Etwas“, in dem kaum unbeschädigter Wohnraum vorhanden war. Überdies ging es auch um ganz andere Zahlen als heute.

Als Folge des von rechtsradikalen deutschen Nationalisten angezettelten Zweiten Weltkriegs wurden Millionen von Menschen aus den Ostgebieten des Reiches, aus Tschechien und Jugoslawien vertrieben oder deportiert.

In völliger Ungewissheit, wo ihr Zug enden würde, gelangten allein von März bis September 1946 Zehntausende Flüchtlinge ins Ruhrgebiet, natürlich auch nach Hagen, Wetter und Herdecke.

Vor genau 70 Jahren – also im Herbst 1948 – lebten in Westfalen über 700.000 Vertriebene. Das heißt, dass sich innerhalb ziemlich kurzer Zeit die Menge an westfälischen Einwohnern um deutlich über zehn Prozent vermehrte. Natürlich waren die Neuankömmlinge ungleich verteilt – in manchen Orten machten sie seinerzeit gar 30 Prozent aller Einwohner aus.

Und die Zahl stieg weiter an. Ende der 1950er Jahre war schätzungsweise jeder vierte bundesrepublikanische Einwohner – wir sprechen somit von etwa 14 Millionen Menschen – ein Flüchtling, Vertriebener oder Übersiedler. Natürlich handelte es sich nach heutigem Sprachgebrauch um Migranten, denn sie haben ja dauerhaft ihre eigentliche Heimat verlassen und anderswo eine neue suchen müssen.

Die Heimatforscherin Margrit Sollbach-Papeler hat bereits vor zwanzig Jahren – im „Heimatbuch Hagen + Mark 1997“ – untersucht, was diese Flüchtlingswelle zum Beispiel für eine kleine Stadt wie Herdecke bedeutete.

Es wurden Massenquartiere eingerichtet, Gaststätten mit ihren Sälen beschlagnahmt, ehemalige Flak-Baracken umgenutzt oder sogar Schulen als Auffanglager eingerichtet. In der Rudolf-Bonnermann-Schule gab es ein solches Massenflüchtlingsquartier – mit der Unterbringung der Vertriebenen in der Aula, auf dem Dachboden und in etlichen Klassenzimmern.

Ziel war es jedoch nicht, die Menschen hier länger leben zu lassen, sondern ihnen möglichst schnell Unterkünfte in „unterbelegten Wohnungen“ zuzuweisen, was bei den Einheimischen in der Regel zu erheblichem Unmut führte.

So zitiert Margret Sollbach-­Papeler eine Herdeckerin mit folgenden Worten: „Man muß sich das so vorstellen: Sie kamen plötzlich an, sprachen anders, aßen anders, kleideten sich anders. So lief eine Reihe von Frauen in der Regel mit Kopftüchern herum. Die Flüchtlinge fielen sofort auf.“

An diese Zeiten kann man heute gar nicht oft genug erinnern.

Tilo